Die Legende vom perfekten Drehbuch

Moin!

Nach all den letzten Postings hier, die sich ja eher mit unseren eigenen Werken beschäftigt haben, ist es noch mal wieder an der Zeit, einige Ratschläge zu geben.

Und da wir gerade mit „Verfluchte Eifel“ unter anderem genau an diesem Punkt sind, möchte ich mich heute und in den kommenden drei Updates noch einmal dem Thema „Drehbuch“ widmen. Denn da gibt es noch viel zu sagen.

Generell muss man zunächst einmal ein Klischee über Bord werfen: Niemand, wirklich niemand schreibt auf Anhieb ein perfektes Drehbuch. Niemand ist in der Lage, sich hinzusetzen und ohne Pause zu schreiben, dabei perfekte Dialoge, eine knackige Handlung und auch noch verständliche Regieanweisungen zu produzieren.
Schreiben ist vielmehr ein kreativer Wachstumsprozess und das größte Gut, dass man als Schreibender mitbringen sollte, ist Opferbereitschaft.

Ein guter Punkt, um sich damit zu befassen ist Natalie Goldbergs Buch „Writing Down the Bones“, oder, zu Deutsch, „Schreiben in Cafés“. Darin schreibt die sehr Zen-geprägte Autoren-Mentorin eine ganze Menge auch darüber, wie man als Autor „loslassen können“ muss.
Habe ich, ganz offen, beim ersten Lesen für eine ziemliche Esoterik-Geschichte gehalten, weiß es aber mittlerweile besser. Je länger, wie intensiver und auch einfach wie motivierter man an einem Drehbuch schreibt bestimmt den Zeitpunkt, aber nie das ‚Ob’ eines bestimmten Sachverhaltes: Früher oder später vernarrt man sich in bestimmte Passagen. Vielleicht ist es ein witziger Kommentar, vielleicht ein guter Wortwechsel oder auch nur eine sehr prägnante Regieanweisung.
Und dann kommt der böse Lektor (den es immer geben sollte, dazu kommendes Mal mehr) und streicht das einfach weg. Zapp, in den sprichwörtlichen Mülleimer damit. Und das Schrecklichste daran: Das ist gut so!
Denn selten sind diese subjektiven Lieben wirklich verdient. Ein Außenstehender mit unbefangenem Blick erkennt vielleicht sogar, warum das eigentlich ganz kultig wäre, stünde es so im Drehbuch, doch er sieht einen Unterschied: Er sieht, ob es für Unbedarfte funktioniert. Word etwas als geplantes, aber nur achtbar gelungenes Stilmittel erkannt, so greift eher die Formulierung „gewollt und nicht gekonnt“ … und Achtungserfolge mögen bauchpinselnd sein, bringen ein Drehbuch aber nicht voran.

Vor allem, da der Lektor noch nicht einmal die finale Instanz ist. Es ist weitläufig bekannt, dass Michael Bay zusammen mit Will Smith und Martin Lawrence am Set der Bad Boys-Filme massiv mit dem Drehbuch gerungen hat, vieles umgestellt und umgeschrieben hat. Und wenn sich zwei Hauptdarsteller und ein Regisseur jeden Morgen zu Frühstück treffen um Szenen umzustellen, dann ist das zwar kein Idealzustand, aber auch nicht undenkbar. Da trifft es auch „Lieblingsstellen“, keine Frage.
Doch gehen wir mal davon aus, dass der Regisseur mit seiner Crew das Drehbuch am Set zunächst einmal im weitesten Sinne werksgetreu verfilmt. Dann kommt in nächster Instanz der Cutter (was kurioserweise der „deutsche“ terminus technicus für „Editor“ ist; auch mal später ein Thema für uns), also der Schneideraum-Kommandant. Was sich noch gut las und am Set funktionierte, mag im Schnitt gnadenlos sein Ziel verfehlen.
Da gab es etwa in „Xoro“ eine Szene, in der ein Schurke sein Arsenal bereit macht. Die haben wir uns von Anfang an gewünscht, die haben wir gedreht und das Material, was herausgekommen ist, war großartig. Nur leider passte es hinten und vorne nicht in den Fluss der Handlung. Ergo, fort damit, ab auf dem Fußboden des Schneideraumes.

Was ich damit sagen möchte? Habt Mut zur Modifikation. Man sollte sein Werk als Autor nicht schutzlos Lektoren, Regisseuren, Schauspielern und Cuttern überlassen, keine Frage. Aber man muss bereit sein, Einschnitte am eigenen Werk vorzunehmen, damit es voran geht.
Ist manchmal sicher schade, aber da muss man durch.

Denn es lohnt sich. Es ist ein Weg zur konstanten Verbesserung.
Und wie man das handwerklich umsetzt, dazu erzähle ich dann in einigen Tagen mehr…

Grüße,
Thomas, Lektor von „Verfluchte Eifel“

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