Schnell! Ruft den Script Doctor!

Bongiorno!

Natürlich gibt es beim Drehbuchschreiben, wie bei jedem kreativen Schreibprozess, mehrere Dutzend potentieller Fehler. Allerdings gibt es ein paar ganz spezielle Sonderfälle, die ich hier kurz anreißen möchte, da man sie leider sehr oft im Amateur-Segment vorfindet:

Monologitis
Meines Erachtens die schlimmste Krankheit von allen, die jedermann befallen kann und eigentlich schon immer hinter der nächsten Ecke lauert. Um das mal an uns zu zeigen, wenn auch an einem intentional so gemachten Punkt: Wer die ersten drei Minuten von Xoro schon hier im Netz gesehen hat, der kennt bereits den „Rächer“. Das ist der von Lars Raasch gespielte Stabkämpfer in der ersten Szene. Achtet mal drauf, wie der redet – in einem Fantasy-Film dürfen Leute diesen fast schon epischen Hang zu langen Texten haben. In so ziemlich jedem anderen Genre … nicht.

Konzeptionell schriftlich, konzeptionell mündlich
Es gibt einen frappierenden Unterschied zwischen der Art und Weise, wie Schriftsprache verwendet wird und der, wie man mündlich miteinander kommuniziert. Wer schriftlich versucht, Informationen zu vermitteln, greift auf andere Sätze und Redewendungen, vor allem aber auch auf einen anderen Satzbau zurück, als der Schreibende. Das ist okay, das ist nur richtig so und, ja, das wird gerade durch Internetsprache massiv verzerrt, aber darum geht es nicht.
Es gibt einfach Dinge, die sagt man zwar, würde sie aber nie schreiben. Und schlimmer: Es gibt Dinge, die schreibt man zwar, würde man so aber nie sagen. Von daher muss man bei einem Drehbuch beide Ebenen im Auge behalten: Regieanweisungen sind „schriftlich“ und sollten objektiv und nüchtern klingen, Dialoge dagegen sind „mündlich“ und sollte locker von der Zunge gehen.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Die letzte Regieanweisung der ersten Szene des Drehbuchs zur Firefly-Episode „Our Mrs. Reynolds“ von Joss Whedon lautet „We hold on his [Mals] very stupid expression for a long, long time.“
Das ist jetzt natürlich nicht nüchtern, aber ich denke, der generelle Gedanke ist verständlich.

Dialoge „In Character“
Es ist schwer, wirklich sprachlich aus Sicht einer anderen Person zu schreiben. Aber es ist notwendig. Es macht, vor allem für Schauspieler, natürlich einen himmelweiten Unterschied, ob ein Charakter nun sagt „Entschuldigen Sie? Sie müssen Herr Reinhard Müller sein, wir hatten telefoniert.“ oder ob er sagt „Yo, du bis’ Müller?“
Extrembeispiel, klar. Extrembeispiele sind auch einfach, was beispielsweise fremdartige Charaktere angenehm zu schreiben macht. „Denn zu schreiben wie der Jedi-Meister Yoda, ein Autor erlernt sehr schnell.“
Wenn es aber nur um Nuancen geht, dann ist wirklich Fingerspitzengefühl gefragt. Hier hilft aber auch gerade besonders ein Lektor weiter, der, wie vor einigen Tagen geschrieben, ja auch weitaus unbefangener an das Thema herangeht.
Ein Sonderfall sind übrigens Dialekte und Akzente. Fragt drei Leute und ihr bekommt vermutlich drei Meinungen, wann es sinnvoll ist, im Dialekt zu schreiben und wann man besser mit einer Regieanweisung arbeitet. Um bei besagtem Drehbuch von Whedon zu bleiben: Wenn in der Teaser-Sequenz ein Bandit fragt „Pardon me for intruding, but I believe y’all are carrying something of mine.“, dann transportiert das direkt Flair, da es „Western!“ schreit.
Aber umgekehrt liegt die Schattenseite sicherlich darin, dass die Antwort des Farmers in der Szene – „T’ain’t your’n.“ – den durchschnittlichen Leser sicherlich in seinem Fluss stoppen dürfte.
Eine pauschale Antwort zum Thema Akzente fällt also schon mal schwer.

Präzision
Die haben wir das letzte Mal ja schon erwähnt – mangelnde Präzision ist der Tod jedes Drehbuchs. Es muss dem Leser, denn selbst jeder Macher ist in erster Instanz erst mal der Leser des Drehbuchs, sofort klar werden, was er sich da vorzustellen hat. Charaktere müssen plastisch beschrieben, Orte nachvollziehbar geschildert und Handlungen, auch von nicht gerade sprechenden Charakteren, in Anweisungen ergänzt werden.
Umgekehrt ist auch zu viel Präzision der Tod. Niemand mag ein Drehbuch, in dem wirklich jeder noch so allerkleinste Hinweis auf jedwedes Detail vermerkt ist. Das ist unübersichtlich, verlängert das Drehbuch unnötig und treibt einen bei der Umsetzung in den Wahnsinn.
Auch hier ist das natürlich eine Gefühlssache. Aber im übertragenen Sinne gilt auch hier, was wir vorletztes Mal festgehalten haben – man muss loslassen können. Überlasst die endgültige Inszenierung dem Regisseur. Ist ja schließlich sein Job. Wenn man unbedingt etwas im Drehbuch haben möchte, so kann man im Zweifelsfall noch immer mit Randnotizen arbeiten. Aber Vorsicht: das wiederum wirkt oft unprofessionell.
Ein letztes Beispiel aus besagter Episode: Die erste Angabe dort ist „Ext: River in wooden glade – day“. Darunter steht dann „Note: If a river is an impossibility, wagon in a glade will suffice. But water makes it cooler.”
In diesem Sinne sind Drehbücher dann sogar fast schon ein semi-interaktives Schreibstück, aber das würde dann hier doch zu weit führen.

Es gibt, wie eingangs gesagt, noch Dutzende weiterer K.O.-Kriterien, aber so ist das mit der Schreiberei, schätze ich. Für hier und jetzt sollten diese Punkte genügen, denn wer sich daran hält, kann schon gar nicht mehr ganz am Schreiben verzweifeln. Wenn denn die Idee stimmt, aber das ist wieder eine ganz andere Baustelle.
Da wir hier oft genug von der Bedeutsamkeit von Lektoren gesprochen haben, beenden wir unsere Drehbuch-Tour kommendes Update dann mit einem letzten Kapitel, nämlich einem guten, mechanischen Schema, wie man Drehbücher übersichtlich zu mehreren korrigieren und herumreichen kann.

Für heute alles Gute,
Thomas

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2 Gedanken zu „Schnell! Ruft den Script Doctor!

  1. David

    Hallo mal wieder,

    danke für all die guten Ratschläge! Ich lese immer noch fleißig mit und würde sie gerne einmal alle umsetzen, nur kommt bei unserem Abifilm-Arbeitskreis leider keine Motivation auf, weshalb wir nicht wirklich weiter kommen und ich mich sehr über den einmal angekündigten Artikel darüber, „wie man Leute zur Arbeit bewegt“, freuen würde. 😉
    Weiter so und viel Erfolg bei eurem neuen Filmprojekt!

    David

    Antwort
  2. eifelarea Autor

    Vielen Dank für die netten Worte und die Erfolgswünsche 🙂
    Aber dein Wunsch sei mir bzw. uns befehl. Ein bisschen was zu Drehbüchern habe ich noch auf Lager, danach kommen mutmaßlich mal wieder zwei Updates in eigener (vulgo „Eifelarea Film“) Sache und dann … ja, dann werden wir uns mal dem Thema Crew-Management zuwenden.
    Nicht zum letzten Mal, das ist mir jetzt schon klar, aber ähnlich, wie wir jetzt auch Drehbücher abgehandelt haben. Also am Mitte Juli spätestens ist es soweit…

    Grüße,
    Thomas

    Antwort

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