Aber zeichnen kann ich nicht!

Gut geschlafen?

Wir wurden jetzt mehrfach, per Kommentar hier wie auch per Mail, gefragt, wie man das denn eigentlich macht, das mit den Storyboards. Während die konsequenteste Antwort sicherlich wäre, zu sagen „Das macht jeder anders“, so bringt das natürlich nichts, weshalb ich einfach mal einige Varianten hier darbieten möchte, wie man es realisieren kann.

Schlecht zeichnen ist Kunst
Hier greift der Maschwitz wieder. Wenn er als großen Rat für Storyboard-Zeichner erklärt, man solle lernen, schlecht zu zeichnen, dann hat das schon Hand und Fuß. Denn auch wenn viele Storyboards den Eindruck vermitteln, wirklich künstlerisch tätig werden muss man dafür nicht.
Schon Strichmännchen können als Visualisierung genügen, gerade wenn Regie und Kamera sie ohnehin zusammen entwickeln, ergo beide bei der Entstehung dabei waren. Die Schauspieler am Set zu coachen obliegt der Regie dann ja so oder so.

SketchUp
Nein, gemeint ist hier nicht ein Stück deutsche Fernsehgeschichte, sondern ein Programm, dass mittlerweile Großkonzern Google gehört.
Google SketchUp ist so mit das am leichtesten zu bedienende 3D-Zeichen-Programm auf dem Markt und – wie so oft bei Google – in der Privat-Version kostenfrei. Dank einer riesigen, kostenlosen Bibliothek an Beispielmodellen auch ohne viel Geschick einsetzbar und dank Verknüpfungen zu Google Earth theoretisch sogar zur Sonnenstands- und Schattenbestimmung am Drehort geeignet. Theoretisch jedenfalls.
Außerdem kann das Programm auch animieren, was also auch das Erstellen einer virutellen Animatic (siehe unten) für die ausgefuchsteren User möglich macht.
Das Programm gibt es gratis unter http://de.sketchup.com/ – aber bedenkt bitte, auch wenn es eine leicht zu bedienende 3D-Anwendung ist, heißt es noch nicht, dass man keine Einarbeitung benötigt.
Einige schwören drauf, ich skribble lieber von Hand.

Foto-Storyboard
Man nehme zwei, drei Freiwillige, fahre am Vortag zum Drehort und knipse seine Einstellungen. Dank Digitalkameras kann man die dann direkt auf ein Notebook ziehen und sichten, man muss keine Entwicklungskosten bezahlen und, wer das Glück hat, in einer Region mit konstanterem Wetter zu wohnen, der kann vielleicht sogar verwertbare Licht- und Farbtests machen. In der Eifel klappt das in der Regel nicht.
Aber die Fotos sind leicht zu machen, sehr visuell und machen nebenbei sogar Spaß. Auf der Gegenseite stehen alleine der Zeit und Personenaufwand sowie auch eine gewisse Wetter- und Lichtabhängigkeit.

Video-Storyboards
Im Prinzip das gleiche wie ein Foto-Storyboard, aber eben mit Videoaufzeichnung. Diverse Regisseure arbeiten auf diese Art und Weise, in der ein oder anderen Form. Die wohl herrlichste Form dessen findet man auf der DVD zu „Desperado“, wo Robert Rodriguez einen Shootout auch als Video im Vorfeld schon mal gedreht hat. Die Darsteller waren schon da, die Requisiten aber nicht, weshalb man Antonio Banderas mit „Pistolenfingern“ über den Thresen laufen sieht und Schussgeräusche machen hört, während eine rosa Handtasche den Gitarrenkoffer ersetzt. Sehr sehenswert.

Animatic
Eine „Animatic“ wird bisweilen auch „Story Reel“ genannt und ist ein animiertes Storyboard. Zwar braucht man, keine Frage, dafür erst einmal die Zeichnungen, aber es hilft eventuell, aus eher mauen Strichzeichnungen was Vorzeigbares zu machen. Man schneidet die Bilder in seinem bevorzugten NLE-Programm (Non Linear Editing; also Premiere, Final Cut Pro, aber auch iMovie, Shareware wie Multiquence etc.) hintereinander, vielleicht sogar mit Ton und Musik, um zu zeigen, wie die Szene in Bewegung ausschauen wird.
Professionellere Animatics sind heute oft schon 3D-animiert und gehen über die oben genannte Diashow hinaus, aber das ist auch immer eine Ressourcen-Frage. So als Trivia am Rande: Die Animatic-Modelle des Babylon-5-Zweiteiles „Voices in the Dark“ (2006/07) hatten die gleiche Qualität wie die richtigen Modelle aus der Serie, die aus den 90ern stammte. So verändert sich der Maßstab…

Einer der zeichnen kann
Eigentlich die einfachste und vermutlich für Fragende am wenigsten hilfreiche Antwort ist die Methode, wie wir es machen: Wir haben einen im Team, der zeichnen kann. Vor dem Dreh setzt sich Regisseur Matthias daher mit (eigentlich) Aufnahmeleiter Markus zusammen und gemeinsam entwickeln sie, anhand von Strichzeichnungen von Matthias, die Boards, wie wir sie euch vorletztes Mal als Auszug gezeigt haben.
Das Problem bei diesem Vorgehen kann dann in der schnittstellenbedingten Verfälschung liegen, Interpretation der Interpretation und so.

Das sind jetzt mal nur einige Vorschläge. Es gibt zweifelsohne noch weit mehr Methoden, doch dies sind so die vermutlich gängigsten Methoden. Es gibt bei dem Aufbau der Szenen dabei natürlich auch inszenatorisch ’ne Menge zu beachten, worum wir uns hier auch bald einmal kümmern werden. Aber nicht direkt, für nächstes Mal haben wir noch ein anderes Programm.

Und was machen wir jetzt das nächste Mal?
Nun, ein letztes Drehbuch- bzw. Drehtag-Derivat ist noch offen – ein Hilfsmittel der Nachbereitung. Sagen wir also, der Drehtag ist vorbei, was gilt es da gedanklich festzuhalten?
Das fragen wir uns dann beim nächsten Mal…

Viele Grüße,
Thomas

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2 Gedanken zu „Aber zeichnen kann ich nicht!

  1. Stephan

    Hallo Thomas
    ich habe gerade eine Woche einen Videokurs mit Jugendlichen geleitet. Eigentlich wollte ich für den nächsten Kurs etwas mehr Theorie zur Cadrage und Einstellungen suchen. Da bin ich auf Deine Seite gestossen. Grossartig!
    Ich wäre froh, wenn Du mich kurz per e-Mail kontaktieren könntest. Ich möchte Dir gerne erklären, um was für Kurse es sich handelt und um Erlaubnis bitten, Teile Deiner Inhalte hier zu verwenden.
    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Stephan

    Antwort

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