Von Einstellungsgrößen und Aufnahmewinkeln

Morgen zusammen,

habt ihr gut geschlafen? Ich hoffe es, denn heute beginnt eine recht umfangreiche Tour durch eines der grundlegendsten und dennoch wichtigsten Themengebiete, die das Filmemachen euch bieten kann.
Heute und ca. in den kommenden zwei Wochen werden wir uns einmal anschauen, wie man eigentlich Bilder aufnimmt. Klar, „Kamera drauf und Record drücken“ – aber das ist eben doch nur die ultimative Basis.
Was heute und in Folge auf euch wartet, sind wirklich die inszenatorischen Grundlagen. Die kann man auch anderswo abholen, aber bei uns ist‘s umsonst und frei Haus. Also dann, fangen wir einmal an.

Einstellungsgrößen
Einstellungsgrößen sind das, was bestimmt, wie groß etwas im Bild zu sehen ist. Die nebenstehenden zwei Schaubilder zeigen eine Variante, das zu benennen. Wer drei Lehrbücher liest, wird, wenn er Pech hat, danach vier abweichende Einteilungen kennen, aber die nebenstehende ist zumindest die deutsche Lehrbuchmeinung.
Einstellungsgrößen 1Die „Panorama“-Einstellung ist dabei extremste, weshalb sie im Englischen auch „extreme long shot“ heißt, im Deutschen manchmal sonst auch „weit“. Landschaftsaufnahmen mit nur weit entfernten Objekten. Die Totale („long shot“) ist oftmals eine einführende Einstellungsgröße und zeigt den Handlungsraum in seiner Gesamtheit.

Einstellungsgrößen 2Die Halbtotale („medium long shot“, manchmal „full shot“) zeigt beispielsweise eine Person (erkennbar) mit ihrer gesamten Umgebung. Sie betont genauso, wie die nachfolgenden beiden Einstellungen vor allem die Gestik und Körpersprache der gefilmten Person.
Nachfolgend sind die „amerikanische“ Einstellung, die den Körper in etwa ab Höhe der Colts im Western zeigt, sowie die Halbnahe, die von der Hüfte an Aufwärts die Person inszeniert. Hier sind die englischen Begriffe mit den Deutschen etwas schwer auseinander zu bekommen, „medium shots“ und „mid shots“ können beide das sein, was wir hier meinen.

Der restlichen Einstellungen verlagern den Fokus des Betrachers mehr auf die Mimik. In der Naheinstellung („close shot“) wird das obere Drittel des Körpers inszeniert, in der Großaufnahme („close up“) wird die Kamera direkt auf den Kopf der Person ausgerichtet, oftmals am Haaransatz oder kurz darüber abgeschnitten. Und in der Detailaufnahme („detail shot“ oder „extreme close up“) werden etwa nur Teile des Gesichtes inszeniert. Blickende Augen, eine schnüffelnde Nase oder so.
Gerade die Detailaufnahme ist dabei aber auch nicht auf das Gesicht begrenzt, sondern kann auch beispielsweise andere Körperteile inszenieren. Beim Duell im Western wäre die Aufnahme der Hüfte, an der die Waffe hängt und über welcher die Finger bereits kreisen ebenfalls eine Detailaufnahme.

Die Abweichungen der Lehrbücher voneinander sowie die Unterschiede der deutschen und englischen Begriffe machen einem das Leben hier nicht unbedingt einfacher. Manche Lehrbücher etwa drehen die halbnahe und die amerikanische Einstellung um, was für mich nur wenig Sinn macht, aber durchaus vorkommen kann. Man sollte spätestens am Set also vorher wissen, was genau gemeint ist – aber dazu hat man ja Storyboards.

Aufnahmewinkel
Generell kann man mit der Kamera neben der Größe des Objektes erst einmal an Ort und Stelle noch drei Dinge tun – man kann sie entlang jeder der drei Achsen im dreidimensionalen Raum „kippen“. Was genau der Unterschied zwischen schwenken, neigen und rollen ist, werden wir gegen Ende dieser Reihe noch einmal betrachten, doch über einen Sachverhalt sollte man sich bereits ganz am Anfang klar werden.
Befindet sich die Kamera auf Augenhöhe der Person, so nennt man es die Normalsicht. Man kann sie nun aber natürlich auch oberhalb der Person anbringen und auf sie herabrichten, oder unterhalb und zu ihr aufschauen. Das hat Auswirkungen darauf, wie der Zuschauer das gefilmte Objekt wahrnimmt.
Aufsicht und Untersicht Befindet sie sich unterhalb, so nennt man es je nach Ausprägung „Untersicht“ oder „extreme Untersicht“, letztere im Volksmund auch gerne Froschperspektive. Objekte, die aus der Untersicht gefilmt sind, wirken immner sehr bedrohlich. Das ausgelutschte, aber nie alt werdende Beispiel ist immer der erste „Terminator“, wenn Schwarzenegger die Polizeistation zerlegt. Einfach mal drauf achten. Aber auch in aktuellen Filmen kann man das beobachten, etwa teilweise bei der Inszenierung von Xerxes in „300“.
Ist sie dagegen oberhalb, ist spricht man von „Aufsicht“ bzw. „extremer Aufsicht“. Auch hier geht im Volksmund das Tier um und nennt die Extreme oft auch „Vogelperspektive“. Die Wirkung ist hier umgekehrt, die gefilmte Person wirkt kleiner, unterlegen bzw. unterworfen. Übrigens ein extrem klassischer Fehler bei von Eltern gedrehten „Spielfilmen“ mit ihren Kindern – dadurch, das sie nicht in die Knie gehen, wirken die Kinder immer winzig. Gut inszenierte Filme begeben sich dagegen auf Höhe der Protagonisten, also der Kinder, was Erwachsene auch gleich noch mal wieder viel stärker abhebt (denn: Untersicht). „Eerie Indiana“ macht das toll.
Das letzte Extrem wäre eine Aufnahme direkt aus der Vertikalen. So ein „Top Shot“ kann funktionieren („Kill Bill, Part I“ hat in der asiatischen Fassung eine lange Szene in der Form), aber tut es nur selten. Ist Abstand von zu nehmen.

Das wäre erst einmal das kleine 1×1 der grundlegenden Aufnahmearten. Es gibt mehr, einiges davon werden wir uns in Folge betrachten. Nachdem wir aber nun rein akademisch wissen, wie was heißt (und wer mich kennt, weiß, was ich von akademischen Bezeichnungen eigentlich halte, aber hier hilft es oft eben doch), schauen wir uns nächstes Mal zumindest einmal ganz grob an, wie man denn sein Bild eigentlich aufbauen kann.

Viele Grüße,
Thomas

Advertisements

13 Gedanken zu „Von Einstellungsgrößen und Aufnahmewinkeln

  1. Ingo

    Hallo Thomas,

    eine klasse Übersicht und Zusammenfassung über die unterschiedlichen Kameraparameter. Ich erbeite häufig mit Anfängern und ein Parameter ist sehr oft Thema bei uns: Der Kamerawinkel in Bezug auf die Blickrichtung, also ob der Charakter frontal oder im Profil zu sehen ist. (Das, was Du Aufnahmewinkel nennst, nenne ich Kamerahöhe.)

    Es schleicht sich bei Anfängern häufig eine schnell zu drehende „Zweier“ ein, in der beide Darsteller im Profil miteinander reden – und schon sind wir bei schlecht abgefilmten Theater. Im Profil geht enorm viel von der Schauspielkunst verloren, daher ist mir dieser Kameraaspekt ebenso wichtig wie die anderen.

    Antwort
  2. Thomas Michalski Autor

    Vielen Dank für das positive Feedback – freut mich, wenn ich dahingehend helfen kann 😉
    An der Sache mit Kamerahöhe bzw. Aufnahmewinkel sieht man auch mal wieder sehr schön, dass im Filmbereich einfach nichts nur einen Begriff trägt 🙂

    Aber das Thema „Dialoge filmen“ ist mal spannend, ich denke, da schreibe ich auch mal was zu. Vermutlich erst im neuen Jahr, dann aber recht bald. Das stimmt schon, da kann man viel falsch und viel richtig machen und irgendwie erklärt einem ja auch nur selten einer explizit, was hier gut und was nicht funktioniert – vom Thema Achsensprung mal abgesehen.

    Last but not least verweise ich dann mal wieder freundlich, aber nicht bindend, auf mein kommendes Jahr erscheinendes Buch „Einfach Filme machen“, wo all diese Themen auch drin behandelt werden und was man bequemer zum Set mitnehmen kann als etwa das Blog hier – durchaus einer der Gründe für mich, es überhaupt zu schreiben 🙂

    Viele Grüße,
    Thomas

    Antwort
  3. Pingback: Ich drehe einen Film « Gerrys SchreibBlog(gade)

  4. Klangspektrum

    Gute Arbeit!

    „Die Abweichungen der Lehrbücher voneinander sowie die Unterschiede der deutschen und englischen Begriffe machen einem das Leben hier nicht unbedingt einfacher.“

    Hinzu kommen dann so Begriffe wie der hauptsächlich in der Fachwelt verwendete/entwickelte Begriff „Filmlook/filmischer Look“ („Filmic Look, Film-Like, Cinelook, Cinemalook, Kinolook, Filmizing“). Dieses Thema ist ebenfalls etwas „unübersichtlich“.

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Hallo und danke für das Lob!

      Ja, das generelle „Problem“ wenn man so will ist ja auch, dass im Filmbereich viel Theorie existiert, aber effektiv der Fortschritt im Feld der Praxis erprobt und auch geschaffen wird. Das sieht man ja auch an den Einstellungsgrößen – wenn du etwa versuchst im Rahmen einen Szenenprotokolls heutige Filme eindeutig von Einstellung zu Einstellung zu klassifizieren, kommst du echt schnell ins Rudern, weil Konventionen halt auch nie so wirklich bindend sind.
      Ich komm ja fachlich an sich aus der Literaturwissenschaft – da gilt im Grunde auch das gleiche, mit dem einzigen Unterschied dass man es sich unter Berufung auf Jahrhunderte der Vorarbeit weitaus leichter machen kann, „neumodischen Schnickschnack“ erst mal von sich zu weisen. Insofern finde ich die Unübersichtlichkeit und das Chaos im Bereich Film eigentlich sogar angenehm – es ist zumindest besser als die Alternative 😉

      „Filmlook“ ist übrigens ein gutes Stichwort; sollte ich auch mal irgendwann hier aufgreifen.

      Viele Grüße,
      Thomas

      PS: Sorry für die späte Reaktion; normalerweise bin ich flotter 🙂

      Antwort
  5. Julees

    Danke für die tolle Übersicht!
    Ich schreibe in einem Monat mein Kunst Abitur und einfache Basics wie das die Froschperspektive eigentlich eine extreme Aufsicht ist, was überhaupt eine Untersicht und Aufsicht ist, bekommen wir gar nicht beigebracht.
    Dabei gibt es ja viele Fotografien die aus der Untersicht sind aber eben KEINE Froschperspektive sind, oder die aus der Obersicht gemacht sind und KEINE Vogelperspektive sind.
    WIr haben in der Schule auch die amerikanische Einstellungsgröße mit der Halbnahen verwechselt, (also Halbnah ist angeblich von Knien aufwärts und amerikanisch von unterhalb den Hüften). Weiß gar nicht was ich in der Abiturprüfung dann hinschreiben soll, aber ich frag meine Lehrerin nochmal. Ist immer gut sich nicht nur auf den Schulunterricht zu verlassen !
    Vielen vielen Dank, hat mir sehr weitergeholfen.

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Ja, das ist nicht immer ganz einfach, weder an der Schule wie in deinem Falle noch etwa später an der Uni, wie ich es auch teils erfahren musste. Zumal die Verwechslung, oder eher Vertauschung von Halbnah und Amerikanisch nicht nur bei euch vorkommt; ich hab hier auch durchaus Bücher, sogar explizite Lehrbücher, die es anders herum erklären. Sogar eines, davon einem Mann geschrieben wurde, bei dem ich an der RWTH gelernt habe und der es mir dort dann wiederum anders beigebracht hat. Woher das aber kommt, weiß ich nicht.
      Die „amerikanische“ Einstellung ist sowieso ein etwas eigenwilliges Dingen, weil sie ja auch dem restlichen Schema ausbricht und eher ideologisch als durch die Distanz zum Objekt geprägt ist. Ein anderes, wenn auch viel, viel, viel selteneres Beispiel wäre die italienische Einstellung, die nur die Augen zeigt – wie man es etwa von Sergio Leone her kennt.
      Um es nicht alleine auf mein Wort ankommen zu lassen – das Filmlexikon der Uni Kiel verwendet die gleiche Beschreibung wie ich, ebenso etwa dieser Handout, der trotz der etwas unprofessionellen Aufmachung auf Media Culture, einer Seite des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg erschienen ist. Und um beide Seiten zu beleuchten – dieser Artikel des Bundeszentrale für politische Bildung sieht es anders und legt die Amerikanische zwischen Nah und Halbnah, so wie ihr es gelernt habt.
      Es ist und bleibt ein unlösbares Problem, schätze ich …

      Was die Frage von Untersicht vs. Froschperspektive bzw. Aufsicht vs. Vogelperspektive angeht, so schreibst du es ja schon selbst – die nach Tieren benannten Exemplare sind halt immer die Extreme. So ist eine ganz bekannte Einstellung aus „Der Untertan“ (DDR, 1951) eine Aufsicht und macht da denke ich einen schönen Kontrast aus im Vergleich zu einer ganz expliziten, aber ungewöhnlichen Vogelperspektive, die wie im Text erwähnt im ersten Kill Bill zu finden ist.

      Letztlich gilt aber auch in der Schulsituation, was ich zuvor schon schrieb – wichtig ist erst einmal, das alle die gleiche Sprache sprechen. Du kannst eure Lehrerin gerne noch einmal ansprechen, kannst sie auch gerne an mich verweisen, aber ich vermute, sie wird im Zweifel auf das vertrauen, was sie gelernt und gelehrt hat. Was, wie gesagt, ja auch durchaus eine vorkommende Meinung ist, wenn auch nicht meine.

      Viele Grüße,
      und danke auch für das nette Feedback,
      Thomas

      Antwort
  6. Annabel

    Hallo Thomas,

    dein Artikel hat mir sehr bei einer wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen meines Studiums weitergeholfen. Da ich für so eine Arbeit eine zitterfähige Quelle benötige, wollte ich dich fragen, ob du mir Literatur zu dem Thema Einstellungsgrößen nennen kannst, aus der du die Informationen hast bzw. wo ich sie finden kann.

    Ich freue mich sehr über deine Rückmeldung.

    Lieben Gruß,
    Annabel

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Hallo Annabel,
      ich bin noch auf Geschäftsreise – aber wenn ich zurück bin, suche ich dir was raus. Wenn du aber bis Freitag nichts hörst, hake einfach noch mal nach.
      Das kriegen wir hin!

      Viele Grüße,
      Thomas

      Antwort
      1. Annabel

        Hallo Thomas,

        habe bisher noch nichts von dir gehört und wollte deshalb nochmal nachfragen, ob du mich noch im Hinterkopf hast.
        Ich freue mich sehr über deine Tipps.

        Lieben Gruß,
        Annabel

      2. Thomas Michalski Autor

        Hallo Annabel!

        Ja, ich hatte dich noch auf dem Schirm – aber wenn du schon nachhakst, dann kann ich dich auch vorziehen 🙂

        Also zum einen ist da natürlich einfach mein Buch – „Einfach Filme machen“ –, das ab Seite 111 auch auf Einstellungsgrößen und dergleichen eingeht. In einem wissenschaftlichen Kontext wird das vermutlich aber schon aufgrund seiner Veröffentlichung im Selbstverlag rausfallen.
        Dennoch:
        Michalski, Thomas. Einfach Filme machen. Books on Demand, 2009.
        (Auch braucht das Buch dringend ein Update, bzw. eine grundlegend überarbeitete zweite Auflage, aber das wird vor 2018/19 nichts …)

        Kommen wir zu den seriöseren Quellen. „Film verstehen“ von James Monaco hat das ganze Thema drin, so ca, ab Seite 200. Seite 202 hat auch eine Shot-Größen-Übersicht. Ich fand den Monaco immer sehr verkopft, aber was er schreibt, das stimmt schon.
        Werner Kamp und Manfred Rüsel (bei dem ich an der Uni Filmanalyse tatsächlich gelernt habe) haben „Vom Umgang mit Film“ bei Cornelsen rausgebracht und behandeln das Thema dort ab Seite 14.
        Und wenn du im Kontrast auch mal die Angelsachsen zu Wort kommen lassen magst, dann hat Louis Giannettis „Understanding Movies“ da auch was zu. Das Buch hat sich massiv über seine Editionen gewandelt, aber in der ersten wie in der zehnten Auflage ist der Abschnitt jeweils recht weit vorne unter „The Shots“ zu finden.

        Insofern:
        Monaco, James: Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien. Rowohlt, 2002.
        Kampf, Werner; Rüsel, Manfred: Vom Umgang mit Film. Cornelsen Volk und Wissen, 1998.
        Gianetti, Louis D.: Understanding Movies. Prentice Hall, 1972.
        Gianetti, Louis: Understanding Movies. Tenth Edition. Pearson Prentice Hall, 2005.

        Ich bin sicher es gibt noch haufenweise mehr, sogar bei mir im Schrank, aber das wären so meine ersten Ansatzpunkte.
        Hilft das weiter?

        Viele Grüße,
        Thomas

      3. Annabel

        Hallo Thomas,

        super, das hilft mir ungemein.
        Ich danke dir vielmals – auch dafür, dass du mich vorgezogen hast. 🙂

        Besten Gruß,
        Annabel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s