Das kleine 1×1 der Bildaufteilung

Guten Morgen und willkommen zurück im Bild!
Heute schauen wir uns mal die Welt der Bildaufteilung an. Auch da gibt es etwa 1.000 Lehrmeinungen in 2.000 Ausarbeitungen, wir halten uns daher mal an fünf gängigere Theorien, von denen ich allerdings auch nicht alle vorbehaltlos unterschreiben werde.

Cadrage
Die vielleicht einfachste Methode, sein Bild interessant zu machen, ist ein Rand. Sehr simpel und kaum der Beschreibung bedürftig, platziert man eben an den (normalerweise) linken oder rechten Bildrand ein Objekt. Dieser Rahmen nennt sich „Kadrierung“ und umschließt den „Kader“. Das Auge des Zuschauers wird daher auf den Vordergrund gelenkt und nicht davon abgelenkt.
Ein Bildbeispiel ist in das Bild beim „Goldenen Schnitt“ am Ende integriert.

Das 3×3-Modell
Eigentlich mein Favorit, was Inszenierung betrifft. Man zerlegt das Bild mit zwei horizontalen und zwei vertikalen Linien in insgesamt neun gleichgroße Teile. Diese entsprechen jeweils in Höhe und Breite 1/3 des Bildformats und wollen natürlich entsprechend bei 4:3 und 16:9 entsprechend anders bemessen sein.
3×3-Modell Hat man nun dieses Raster aufgelegt, kann man damit zwei Dinge tun. Die eine Lehrmeinung sagt, dass man darauf achten sollte, dass möglichst in vielen dieser neun Rechtecke interessante Bildelemente zu sehen sind. Sind alle voll, ist das Bild vermutlich zu überladen, aber wenn vier oder fünf „Ecke“ etwas zum Anschauen bieten, ist der Zuschauer vermutlich ausreichend beschäftigt.
3×3-Modell 2 Die andere Theorie ist die „Sweet Spot“-Theorie, die davon ausgeht, das gerade an den vier inneren Schneidepunkten der Linien besonders die Aufmerksamkeit des Zuschauers liegt.
An welche man sich nun hält, ist vollkommen egal und kann auch von Einstellung zu Einstellung abweichen. Aber wer sich daran hält, wird vermutlich schon mal keine „unaufgeräumten“ oder langweiligen Einstellungen filmen.
Die Bilder stammen übrigens beide aus unserem Heuler „JB4“.

Die Dreiecke
Ein Kunsthistoriker könnte es sicherlich besser erklären, aber visuell suggerierte Dreiecke im Bild machen Szenen interessanter. Man unterscheid dabei zwischen „geöffneten“ und „geschlossenen Dreiecken“. Bei ersteren sind alle drei Eckpunkt innerhalb des Bildbereichs, bei letzterer entsprechend nicht.
Dreiecke 1 Geschlossene Dreiecke erzeugen ein für den betrachter ruhiges Bild. Die nebenstehende Zerlegung einer Einstellung des Magierturms aus unserem „Xoro“ hat nur geschlossene Dreiecke, selbst in der Bewegung des fallenden Meteors (rotes Dreieck), was insgesamt ein sehr in sich geschlossenes Bild erzeugt.
Dreiecke 2 Das andere Bild, aus unserem „Die zweite Teufelei des Dr. Fu Man Chu“, hat dagegen eine Öffnung. Die von Janine gespielte Maria Schaffrath ist der ruhige, feste Mittelpunkt des Bildes (gelbes Dreieck), während die Flucht des Grabsteins ein geöffnetes Dreieck zu bilden scheint (rotes Dreieck). Das führt dazu, dass der Zuschauer den Blick zwar auf Janine richtet, aber das Bild dennoch durch den Grabstein interessant bleibt.

Tiefenschärfe
Ob man es nun Tiefenschärfe oder Schärfentiefe nennt (wieder so eine Lehrbuchsache): In professionellen Filmen ist oft der interessante Bildbereich scharf, während Vorder- und Hintergrund unscharf wirken. Wem es nie aufgefallen ist: achtet mal darauf, ist kaum zu übersehen.
Nur ist Tiefenschärfe (Schärfentiefe) mit den normalen DV-Kameras nur hölleschwer zu erreichen. Es sei deshalb hier einmal genannt, aber dem werden wir uns irgendwann einmal mit weit mehr Details widmen müssen.

Der Goldene Schnitt
Und zum Abschluss noch etwas für die ambitionierten Kunstfilmer unter unseren Lesern. Aus dem Goldenen Schnitt kann man das Goldene Rechteck, und daraus die Goldene Spirale herleiten.
Wenn man nun diese goldene Spirale auf sein Bild legt, so besagt die Theorie, dass diese, die vorgeblich schönste und natürlichste, ja nobelste aller Formen den Blick des Betrachters an die für ihn bestimmte Stelle lenke.
Der goldene Schnitt Das ist, ganz grundsätzlich, nicht falsch. Der nebenstehende Bildausschnitt aus unserem „Zombie Queen of the Dutch“ demonstriert das recht gut. Obschon der von Xoro-Hauptdarsteller „Scorpio“ gespielte Pfarrer am linken Bildrand dann auch unser Beispiel für eine Kadierung wäre, fällt das Augenmerk des Betrachters auf die von Néomi gespielte Frau.
Das größte Problem am Goldenen Schnitt für mich ist, dass es in meinen Augen definitiv nur in zwei Bereichen Anwendung finden kann: bei übermäßiger Planung und in der nachträglichen Betrachtung.
Denn mal ehrlich – sich Dreiecke vorzustellen, das geht. Die 3×3-Matrix ist einfach zu denken. Aber das Bild in Goldene Rechtecke zu zerlegen ist zumindest grenzwertig. Umso mehr, weil das normale 16:9-Bild vom Seitenverhältnis her auch kein Goldenes Rechteck darstellt, man also auch oft etwas basteln muss, damit das alles passt.
Man kann damit aber zumindest einige interessante Effekte erzielen – nicht so sehr inszenatorisch, sondern inhaltlich gibt es sogar einen britischen Krimi aus der Reihe der „Inspector Lynley Mysteries“ („In Divine Proportion“/„Vergib uns unsere Schuld“), der auf diesem Prinzip aufbaut.

Nun denn, wir haben fünf Wege kennen gelernt, wie man ein Bild einteilen kann, von denen wenigstens die Cadrage, das 3×3-Modell und die Sache mit den Dreiecken leicht zu beherzigen sind. Doch bevor wir uns daran machen, unsere mühsam aufgebaute Kamera nun durch die Szene zu bewegen, kommen wir zuvor das nächste Mal noch zu einer der wichtigsten Grundlagen überhaupt: Der Bildachse.

Grüße,
Thomas

Advertisements

2 Gedanken zu „Das kleine 1×1 der Bildaufteilung

  1. Utta Thies

    Super, das wusste ich noch gar nicht. Danke für den Tipp! Dafür liebe ich das Internet, dass man schnell auf solche wichtigen Informationen stößt :-). Vielen Dank nochmal und schönen Gruß, Utta Thies

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Hallo!
      Es freut mich sehr, dass dieses Blog hilfreich sein kann 🙂
      Insofern „Bitte! :)“ und weiterhin viel Spaß bei Filmproduktion und -analyse!

      Schönen Gruß zurück,
      Thomas

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s