Mittel, seine Kamera zu platzieren

Morgen!
Es gibt verschiedene Mittel und Wege, seine Kamera im Rahmen eines Filmdrehs am Set zu positionieren und ggf. zu bewegen. Nicht alle davon sind gleich gut oder gleichermaßen gut machbar, aber wir wollen hier zumindest einen kleinen Überblick mit Tipps zur Umsetzung geben.

Handkamera
Die allereinfachste Version: Man nehme die Kamera in eine oder beide Hände und halte auf das, was man filmen möchte. So nehmen Onkel und Tanten ihre Urlaubsvideos auf, aber so dreht man keine Filme.
Denn das Bild wird so unruhig und verwackelt. Das größte Problem bei DV-Kameras ist hier nämlich ihr geringes Gewicht, denn dadurch wird es sehr schwer, das Aufnahmegerät freihändig zu halten. Filmkameras u.ä. sind großteilig schwere Schultergeräte, was einem das Leben erheblich vereinfachen kann. Wir werden darauf zurückkommen.

Stativ
Ralf und ein Stativ Der zweite Klassiker. Ein Stativ ist ein Dreibein, auf das eben die Kamera gespannt wird. Der terminus technicus in Amerika ist „Tripod“, aber der Rufname ist „Sticks“ und das beschreibt recht gut, wie das durchschnittliche Amateurstativ aussieht – drei dünne Stöckchen und eine Kamerahalterung.
Gute Stative sind dagegen massiv gebaut, in horizontaler wie vertikaler Richtung nahezu komplett frei einstellbar und oftmals mit netten Zusätzen wie einer Wasserwaage zur Ausrichtung verfeinert. Das braucht man alles nicht zwangsläufig – was man aber vermeiden sollte, sind zu kleine Stative. Manches eher preisgünstige Teil reicht dann auch nur bis grob 1,50 Meter hoch – die Folge wären anhaltende Untersichten, was sicherlich auch niemand möchte.
Stative haben diverse Vor- und Nachteile. Der oberste Vorteil ist ein absolut ruhiges und unverwüstliches Bild (was gerade auch bei der Arbeit mit Spezialeffekten viel wert sein kann, wie wir in ferner Zukunft noch sehen werden), der größte Nachteil dagegen ein großer Mangel an Dynamik.

Schienen
Die nächste Evolutionsstufe. Man verlegt Schienen, auf denen man einen Wagen platziert, auf dem wiederum die Kamera sitzt. Nun schiebt man den Wagen entsprechend auf den Schienen entlang und kann so wunderbare Kamerafahrten realisieren.
Michael Ballhaus hat einige ganz tolle Sachen auf Schienenbasis gefilmt und die Kombination aus Bewegung und Ruhe im Bild ist schon bemerkenswert.
Der größte Nachteil aus Sicht eines Amateurfilmers an einem Schienensystem ist, dass er vermutlich weder eines hat noch an eines herankommt. Dazu kommen noch ein sehr hoher Produktionsaufwand, denn Schienendrehs können sehr zeitintensiv sein.
Der gewitzte Filmemacher ohne Budget kann aber diverse Lösungen dafür finden. Auf geteerten Wegen kann schon ein Fahrrad gute Dienste leisten, dass der Kameramann nicht zum Fahren, sondern zum Abstützen verwendet. Ebenso sind Skateboards wie dafür gemacht, auf ebenen Flächen als Kamerarutsche zu fungieren. Das geht bei Innendrehs aus prima auf Tischen, Küchenanrichten und ähnlichem.
Der Ratschlag Nummero Uno ist aber auch nicht perfekt: Rollstühle. Ein Rollstuhl hat eine Reihe großartiger Qualitäten: Der Kameramann kann sich daraufsetzen, man kann noch diverse Apparaturen daran anbringen, sie sind in der Regel stabil und die großen, luftgefüllten Reifen rollen auch auf unebenen Grund hervorragend.
Eine Frage allerdings kann einem in der Regel keiner der Rollstuhl-Anhänger beantworten: Wenn man jetzt nicht aus Zufall die entsprechenden Kontakte hat … woher bekommt man einen Rollstuhl?
Billig sind die nämlich auch nicht…

Kran
Ein Kamerakran kann zweierlei sein: Die einen sind wirkliche Kräne mit Motoren, einem Sitzkorb und viel Technik – die vergessen wir mal gleich wieder. Die anderen sind mehr oder weniger große Wippen, an deren längerem Ende die Kamera angebracht ist. Hinten senken, Kamera geht nach oben.
Ist sehr einfach gedacht und noch einfacher zu bauen, oft sogar am Set zu improvisieren, krankt aber an einer Hürde: Soll die Kamera nicht einfach hoch oder runter gehen, sondern sich dabei auch auf ein bestimmtes Ziel richten, so wird die Konstruktion um viele Längen umständlicher.
Kranfahrten sind aber oft ganz grandiose Wege zur Einführung in eine Szene oder auf einen Film. Ob nun die lange (und nebenbei halb digitale) Fahrt hinter der Feder her, die „Forrest Gump“ einleitet, oder die von düsterer Musik getragene Kranfahrt auf das Haupttor der Schule im ersten Akt von „Scream“, es sind tolle Bilder, um in die Handlung zu führen.

Steadycam
Das Tor zur entfesselten Kamera. Eine Steadycam ist, ganz generell, ein Weg zur Bildstabilisierung. Wer viel Geld hat, der kriegt hier High-End-Systeme auf Gyro-Basis mit Schwenk-Gegengewichten und Tragearmen. Wir haben nicht viel Geld.
Kleinere Steadycams funktionieren dagegen auf einem ziemlich simplen Format: Ein hohes Gewicht am Fußende einer längeren Stange sorgt dafür, dass deren Kopfende durch das Auspendeln entsprechend ruhig bleibt. Eine Stange und ein Gewicht am unteren Ende – klingt simpel, oder?
Ist es auch. Ein kluger Mensch namens Johnny Chung Lee hat eine Selbstbau-Stabilisierung entworfen, deren Preis er bei 14 $ ansetzt. Man muss zwar leider zugeben, dass mit deutschen Preisen wir hier schon von 20, 30 Euro reden, aber der Bau ist es wert. Seine Steadycam ist ein Segen für angehende Filmemacher und macht viele Träume wahr.
Allerdings ist der Umgang damit nicht ganz unproblematisch. Jemand hat einmal gesagt, ein Steadycam-Kameramann müsse eine Mischung aus Balletttänzer und Gewichtheber sein … und er hat Recht. Das zusätzliche Gewicht geht auf Dauer doch in den Arm und es erfordert Übung und Geschick, mit dem Gestänge ordentlich laufen zu können.
Lohnt sich aber.

Ghetto Cam
Gehtto Cam Zum Schluss noch eine Methode, die man schon als DV-Exklusiv bezeichnen könnte. Wir haben festgehalten, dass das Kernproblem das geringe Gewicht der Consumer-Kameras ist. Also machen wir sie schwerer.
Alles was es dazu braucht ist ein Balken als Gewicht, zwei Griffe zum Festhalten und eine Gewindestange, um die Kamera daran festmachen zu können: Fertig ist die Ghetto Cam.
Die heißt so, weil arme Filmemacher in Amerika teilweise mit Gesetzen konfrontiert sind, die besagen, dass sie keine Drehgenehmigung brauchen, solange keine Kamerahalterung den Boden berührt. Das Stativ fällt also raus, aber mit dem Balken kann man dennoch ruhig filmen.
Das Ergebnis ist erstaunlich. Die Kamerabewegungen werden ruhig, die Handhabung erfordert deutlich weniger Übung als eine Steadycam und wenn man die Gewindestange nur mit einer Flügelschraube festhält, dann kann man sie sogar umdrehen und die Kamera bequem für Überkopfaufnahmen festmachen.

Ob man jetzt die 14$-Steadycam oder die Ghetto Cam bevorzugt, ist Geschmackssache. Aber seit ich uns entsprechend eine gebaut und bereitgestellt habe, liebt unser Kameramann Ralf „die Ghetto“ von ganzem Herzen.

Generell darf man bei all diesen Aufzählungen eines nicht vergessen: Ein gutes Fundament ist wichtiger als allumfassendes Schmuckwerk. Wenn man sich nicht sicher ist, wie man eine Einstellung realisieren soll – man nehme das Stativ. Es ist bewährt, robust und unproblematisch.
Doch auf der anderen Seite führt kein Weg daran vorbei: Eine bewegte Kamera in den Szenen hebt die „gefühlte Professionalität“ eines Filmes erheblich an.

Zum Abschluss unserer Tour durch den Aufbau eines Filmbildes schauen wir uns beim kommenden Update noch ein paar Sonderfälle an, doch dann kann man getrost sagen: Allererste Grundlagen der Kameraarbeit abgeschlossen.

Viele Grüße,
Thomas

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4 Gedanken zu „Mittel, seine Kamera zu platzieren

  1. Pingback: Die Kamera (2 von 5): Wir kaufen uns eine Kamera. « Eifelarea Film

  2. Johannes

    Danke für diesen ganz tollen Beitrag! Hat mir sehr weitergeholfen! Werde die Ghettocam und Poor man´s Steadycam versuchen!

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Hallo Johannes!
      Es freut mich sehr, dass dir der Artikel helfen kann 🙂

      Wenn du magst, sag uns doch mal Bescheid, wenn du die beiden Dinger ausprobiert hast – wir freuen uns ja immer, wenn andere Leute ihrerseits Erfahrungen mit so etwas sammeln!

      Viele Grüße und viel Spaß beim Filmen,
      Thomas

      Antwort
  3. Pingback: Ein paar Kamerahalterungen extra | Eifelarea Film

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