Ein paar besondere Einstellungsarten

Moin Moin!

Vorweg: Es ging recht hoch her bei jedem von uns, weshalb sich dieses Post etwas verspätet hat. Ab jetzt sollte der Drei-Tage-Rythmus aber wieder funktionieren…
Zudem drehen wir heute mal wieder etwas für „Verfluchte Eifel“.
Allerdings ganz ohne Schauspieler, nur Außen- Autoaufnahmen. Also nichts, was wirklich viele Worte rechtfertigen würde. Daher genug der allgemeinen Worte, auf zum Thema.

Lange habe ich überlegt, ob ich die folgenden Zeilen jetzt an den „Bildaufteilungs“-Block anhängen sollte oder aber in den, irgendwann bald, nachfolgenden Block über Bildgestaltung. Wie man sieht, ist meine Entscheidung auf den ersteren Teil gestoßen.
Die nachfolgenden Begriffe beschreiben allerlei Termini rund um Einstellungen in Form und Funktion, sind darüber hinaus aber quer durch die Bank gemischt, was ihre genaue Art betrifft. Aber auch diese Begriffe sind Grundlagen und ich bin jetzt schon froh, sie schon mal „raus“ zu haben.

Establishing Shot
Das ist eine gesonderte Einstellung, fast immer ganz zu Beginn der, und zumeist total oder halbtotal gefilmt. Die zeigt den Ort der Handlung und vermittelt dem Zuschauer die räumliche Vorstellung davon, wo er gerade ist.
Ich erwähne den zum jetzigen Zeitpunkt, weil er umgekehrt auch fast die einzige, typische Anwendung von Totalen darstellt. Wir haben in „Xoro“ an einer Stelle beispielsweise mitten in einer Szene mal einen Schnitt auf eine sehr weite Einstellung und das führte bisweilen zu Irritationen bei Testzuschauern.
Heutzutage, im Zeitalter der schnellen Schnitte, ist der Zwang zum „Establishing Shot“ stark aufgelockert worden. Bei „24“ war man beispielsweise in der zweiten Staffel sehr stolz, nur einen einzigen Establishing Shot gemacht zu haben. „Lost“ dreht den Spieß sogar um und beginnt viele Episoden mit krassen Detailaufnahmen, meist von Augen.
„CSI: NY“ erlaubt sich dagegen in der ersten Episode der Serie ein paar interessante Anwendungen von Establishing Shots. So beginnt die erste Szene eher nahe am Geschehen und führt erste, wichtige Charaktere ein. Dann tritt der Protagonist an den Fluss neben dem Fundort und es folgt ein Schnitt heraus aus der Szene, in eine Totale, in der sich der Fluss als der Potomac erweist und im Hintergrund New Yorks Skyline aufragt.
Aber warum das genau funktioniert, dazu komme ich dann mal, wenn ich über die Postproduktion schreibe.

Plansequenz
Der Begriff klingt furchtbar trocken, aber was er beschreibt, ist ziemlich cool. Eine Plansequenz ist eine lange Szenenfolge mit freier Kameraführung, in der kein Schnitt erfolgt. Die teils extrem langen, fast theaterhaften Sequenzen in M. Night Shyamalans „The Village“ würden sich demnach nicht qualifizieren, doch andere Filme der letzten Jahre haben phantastische Plansequenzen gezeigt.
Joss Whedon nutzt sie etwa gerne, um zentrale Locations einzuführen. In der fünften Staffel von „Angel“ gibt es eine lange (und mehrfach den Aufzugsschacht durchquerende) Plansequenz, in der das neue Hauptquartier der Protagonisten eingeführt wird. Noch schöner ist es in „Serenity“, wo er das gleichnamige Schiff und seine komplette Besatzung in einer tollen, sehr langen Szene dem Zuschauer vorführt und diesen dabei durch das „Mittendrin“-Gefühl fast zum Teil der Handlung macht.
Doch auch Alfonso Cuarón versteht sein Handwerk und hat in „Children of Men“ einige Sequenzen drin, die mich vor Faszination fast umgehauen haben. Wo er seine Kamera alles herbewegt ist atemberaubend, vor allem die Szene im Auto durchbricht fast schon das physikalisch machbare.
Nicht immer sind Plansequenzen tatsächlich auch so gedreht. Cuaron hat glaube ich zwei Schnitte in der Szene in „Children of Men“ gemacht, Whedon aus technischen Gründen einen in „Serenity“.
Für die Klassiker-Fans unter den Lesern: Einer der größten Meister seiner Zunft, Alfred Hitchcock, hat seinerzeit mal einen ganzen Film in einer (naja, fünf) langen Plansequenz(en) realisiert: „Cocktail für eine Leiche“.
Und ganz trivial: Achtet mal auf den Vorspann von „Roseanne“, wenn mal wieder eine Wiederholung der Sitcom kommt. Auch das: Eine Plansequenz.

Der Point-of-View-Shot
Leute, die besonders vom Fach sein wollen, sagen auch „POV-Shot“, der Deutsche in seiner Liebe zu Fachtermini dagegen spricht von „subjektiver Kamera“ oder der „Subjektiven“. Es ist, was der Name verheißt: Die Kamera zeigt das Geschehen direkt aus der Sicht der handelnden Person.
In der klassischen Variante wird das noch über einen Schnitt realisiert. Aufnahme 1 zeigt eine Person, wie sie an eine Stelle blickt, Aufnahme 2 dagegen dann diese Stelle (zumeist grob) aus Sicht der Person.
Doch schon immer gab es auch andere Umsetzungen dieser Idee. Der „Terminator“ etwa hat eine sehr dynamische POV-Einstellung, wenn er in seiner roten Weltsicht mit den weißen Texteinblendungen aktiv im Raum umherschreitet. Noch einen drauf hat vor ein, zwei Jahren der „Doom“-Film gesetzt, der eine an das Spiel angelehnte Ego-Sequenz aufwies und den Zuschauer für Minuten in den Kopf des Protagonisten transportierte.
Es hat auch bereits vor richtig vielen Jahren einen Versuch gegeben, einen kompletten Film so zu drehen – Die Dame im Wasser von Robert Montgomery (1947) – was allerdings gnadenlos gescheitert ist. Daher haben sich dann auch Filme wie etwa das „Blair Witch Project“ mit mehreren Kameras, also der Möglichkeit umher zu schneiden, beholfen.
POV-Aufnahmen mit moderner, schneller Kamerabewegung können bei Zuschauern mit entsprechender Veranlagung zu Motion Sickness führen.

Die italienische Einstellung
Kurz und knappzu umreißen, aber kaum im Fachbereich verwendet: Eine „italienische Einstellung“ ist das, was man in vielen Italowestern, besonders denen von Sergio Leone sehen kann: Eine Detailaufnahme, in der nur die Augen (oder, bisweilen, Augen und Nase) einer Person zu sehen sind.
„Spiel mir das Lied vom Tod“ hat da einige.

Doku-Stil
Ebenfalls noch ohne richtig knackigen Begriff ist ein immer moderner werdender Look, den Regisseur Paul Greengrass einmal „an unconsidered view“ („einen unbedachter Blick“) genannt hat. Die Kamera imitiert die wackeligen Bewegungen von Doku-Kameras, wie wir sind aus Kriegsberichterstattungen, COPS und anderen Quellen her kennen. Die Idee dahinter ist es, vom Inszenierten des klassischen Kinos wegzukommen und dem Zuschauer so noch viel mehr die Möglichkeit zu geben, in den Film einzutauchen.
Greengrass‘ Begriff trifft es recht gut, zumal er für mich bisher auch den heftigsten Vertreter dieser Zunft vorgelegt hat: Die Teile 2 und 3 der „Bourne“-Reihe mit Matt Damon sind von ihm und was er gerade in dem dritten Teil da hinlegt, ist schon wirklich imposant.
Der Stil ist aber umstritten, schwer umzusetzen und vor allem sehr schwer gut zu machen. Die Grenze zwischen Dilettantentum und künstlericher Intention wird hier nicht zuletzt auch dadurch bestimmt, wie exzellent (ich sage bewusst nicht nur: gut) der Rest umgesetzt ist.

Soviel noch zu einigen nennenswerten Sonderfällen, die man vielleicht einmal genannt haben bzw. gehört haben sollte und soviel auch zu unserer anhaltenden Reihe für den generellen Vorgang des Filmens am Set.
Die kommenden Updates folgen dann noch mal ein paar generelle „Lebenserfahrungen“ zum Filmdreh und vielleicht eine kleine Hand voll Fotos von unserem Auto-Drehtag heute, bevor es auch noch mal umfassendere News zu „Verfluchte Eifel“ geben wird.

Viele Grüße,
Thomas

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