Virage, Grading, Bedeutung (Farben, Teil II)

Hallo zusammen!

Zunächst mal: Entschuldigt, dass dieser Text hier etwas später kommt als sonst, aber derzeit läuft ja auch die Uni wieder und jede Minute, die ich hier tippe, ist hart von anderen Aufgaben erkämpft.
Aber reden wir daher auch nicht lange um den heißen Brei, sondern machen direkt da weiter, wo wir aufgehört haben.

Letztes Mal schon erwähnt habe ich ja, dass es einen Codeschlüssel gab, nachdem Stummfilme viragiert, also monochrom eingefärbt wurden. Der ist kurz und schmerzlos wiederzugeben:

Blaue Außenszenen bei Nachts
Sepia Innenszenen bei Nachts
Violett „dramatische“ Nachtszenen
Orange Lampen oder Kerzenschein
Rosa Sicherheit
Rot Erotik oder Gewalt

Wenn man sich das so beschaut, kann man mit etwas Phantasie feststellen, dass einiges davon auch heute noch gebraucht wird. Klar, niemand färbt per se Erotik- oder Gewaltszenen rötlich ein, das ist überholt. Andererseits ist die klassische Filmnacht noch immer blau ausgeleuchtet, das Licht in nächtlichen Innenszenen zwar nicht sepia, aber doch meist fahl und „grau“. Ebenso wird auch heute noch jede Szene bei reinem Feuerschein oder bei Kerzenlicht stark gelb ausgeleuchtet.
Insofern ist es sicherlich nicht schlecht, sich diesen Code dann und wann einmal vor Augen zu führen.

Doch die Gegenwart, sie ist komplexer. Zunächst einmal schadet es sicher nicht, sich einmal mit „Farbsymbolik“ zu befassen. Das ist die Lehre der emotionalen Auswirkung von Farben auf den Menschen. Klingt sehr esoterisch, aber ist – und wenn auch nur wiederum durch Konditionierung – dauerhafter Begleiter in gerade der westlichen Filmkultur.
Nehmen wir als Beispiel mal das liebste Beispiel meines Filmanalysedozenten, die Farbe rot. Rot steht für sehr viele Dinge, die in Filmen zentral sind: Von Dynamik über Freundschaft, zu Leidenschaft, Erotik, Zorn und Gefahr. Und nun die Chance, sich selbst zu verfluchen: Achtet einmal in Filmen darauf, wie die Farbe rot umgesetzt ist.
Drei Jungen gehen über die Straße, einer trägt eine rote Kappe. Wem passiert etwas? Ihm.
Eine Bankettszene. Viele Leute tanzen. Eine Frau trägt ein rotes Kleid. Wem passiert etwas? Ihr.
Ich habe das anfangs selbst mit Skepsis zur Kenntnis genommen, aber mittlerweile habe ich so viele Beispiele dafür finden können, dass man nicht umhinkommt, Farbsymbolik generell ihren Raum zu lassen.
Um auf den „The Number 23“ zurückzukommen, den ich das letztes Mal schon erwähnt: Welche Farbe hat das Buch, das alles lostritt? Richtig: Es ist rot.

In den letzten Jahren aber ist zu dem ganzen Apparat von Farben und Beleuchtung mit dem Computer noch ein weiterer Spieler auf dem Spielfeld erschienen. Das Stichwort heißt heute nicht mehr Viragierung, aber die Zeit der (angestrebt) realistischen Farbgebung aus den 80ern ist auch vorbei.
Das Stichwort der Gegenwart heißt „color grading“ und obschon dieser Begriff auch photochemische Veränderungen der Bildfarbe bezeichnen kann, wird er heute doch vornehmlich mit der digitalen Variante verbunden.
Wir werden eine genaue „Wie es geht“-Anleitung irgendwann einmal hier besprechen, wenn wir allgemein ist der Postprodution angekommen sind, daher hier nur die absoluten Basics.
Das normale PAL-Bild ist aus drei Farbinformationen (Rot, Grün und Blau; mehr dazu nächstes Mal) zusammengebaut. In der grundlegendsten Farbbearbeitung zerlegt man nun jede dieser Farben noch einmal in drei Bereiche: Shadows, Midtones und Highlights. Dadurch ist es möglich, beispielsweise nur dunkelrote Stellen zu beeinflussen, oder nur hellblaue.
Auf Basis dieser Grundlage kann man nun zahlreiche „Sachen“ mit dem Bild machen, um dem Film einen individuellen Look zu geben.
Extrembeispiele dafür sind, ich hab es irgendwann schon mal erwähnt, glaube ich, die drei CSI-Serien. Die ursprüngliche Las Vegas-Serie hat anfangs noch nicht diese Farbintensistät wie die anderen Serien, schwimmt allerdings zunehmend mehr in neongrüne Gefilde. In CSI Miami wurde es dann schon offensichtlich, denn diese Serie ist, im Kern, orange. Und CSI New York zuletzt war, ganz besonders in der ersten Staffel, in ein sehr extremes blau gehüllt.

Da greifen dann auch gleich zwei Dinge, die wir in den vergangenen Tagen hier gelernt haben:
Erinnert ihr euch an die Ausleuchtungsmodelle? CSI Miami weist zumeist kaum Schatten auf, spielt an grellen Tagen und ist damit zwar nicht absolut in einem „high key“-Verfahren gefilmt, aber oft nah genug dran. CSI New York, wiederum besonders die erste Staffel, ist bisweilen so „low key“, wie man sich das im Fernsehen erlauben kann.
Und die Sache mit den Farben, direkt von heute. Grün ist nach Farbsymbolik unter anderem ein Zeichen für Morbidität, manchmal auch das Zeichen einer unwirklichen Welt. Andererseits ist grün die Farbe der Hoffnung. Beides zusammen? Das perfekte Symbol für Las Vegas.
Gleiche Theorien können für Miami (Orange=Wärme, Leben, Lust, Begehren) und New York (ein kaltes Blau=lebensfeindlich, Unmenschlichkeit, aber auch wiederum Ewigkeit, Nachdenklichkeit) geltend gemacht werden, aber dies ist ja kein CSI-Blog hier.
Wer dennoch etwas mehr in speziell diese Thematik einsteigen will, der findet übrigens in dem Buch „Investigating CSI“ (Hrsg. v. Donn Cortez) einen wunderbaren Essay von Janine Hiddlestone namens „All that Glitters – Coloring Place and Identiy in CSI“, der das kurz und gut zusammenfasst.

Andere gute Beispiel für „Looks“ findet man oft in Filmen der härteren Gangart. „Bad Boys 2“ demonstriert ebenfalls einen Miami-haften Look, „Black Hawk Down“ vermittelt auch farblich einen dokumentationshaften Stil und, will man ja nicht verschweigen, „The Punisher“ und „Miami Vice“ strafen mich auf den ersten Blick schon Lügen, da man hier nur sehr subtil an die Farben gegangen ist.
Warum ich das jetzt erwähne? Weil man durchaus nicht alle guten Filme totfärben muss. „Xoro“ ist ja auch extrem „in den Farbeimer gefallen“, wie Ralf mal sagte. Das war ja auch durchaus Intention und funktioniert auch, aber sowie mal erste Szenen raus sein werden, wird man sehen, dass wir bei „Verfluchte Eifel“ auch einen anderen Ansatz gewählt haben.

Doch überhaupt, selber produzieren sei unser Thema. Während das, was jetzt heute hier stand, durchaus im generischen Lehrbuch steht, machen wir nächstes Mal dann mal wieder etwas, was uns zu Eifelarea Film macht – sprechen wir über das Format für Amateure derzeit und seine Farben, sprechen wir über DV.

Grüße,
Thomas

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Ein Gedanke zu „Virage, Grading, Bedeutung (Farben, Teil II)

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