Eifelareas gute Ratschläge 10: Regeln sind zum Brechen da (aber Achtung!)

Hallo zusammen!

In den neun vergangenen Monaten habe ich mal mehr, mal weniger dogmatisch Regeln genannt, an die wir uns halten und die man als gute Ratschläge an andere Gruppen und Macher geben kann, um Filme zu drehen. Es gibt darüber hinaus noch weitere Regeln, viele weitere Regeln sogar, wenn man sich mit Film auseinandersetzt. Etwa die Bildachse, die man nie überschreiten darf. Oder ganz klassisch die Ansage, dass man vor eine Szene einen sog. ’establishing shot’ setzt, eine Totale oder etwas in der Art, um den Handlungsort der nächsten Szene zu etablieren und dem Zuschauer zu zeigen, wo er sich gerade befindet.
Doch gibt es eine grundlegende Sache zu beachten: Das sind alles keine Heilsbotschaften. Es gibt immer Situationen, es wird immer Momente geben, in denen es richtig ist, sich nicht an eine Regel zu halten.
Nehmen wir das mit diesen etablierenden Einstellungen mal als Beispiel. Generell ist die Ansage natürlich richtig. Oftmals sind solche Shots sogar mehr als nur eine Zweckmäßigkeit. Wenn etwa in dem ohnehin sehr empfehlenswerten „The International“ Wolfsburgs ‚Autostadt’ genutzt wird, um die technokratische Hochburg der IBBC darzustellen, dann ist das nicht einfach nur ein Hinweis für den Zuschauer, sondern ganz bewusst gewähltes, gestalterisches Element. Und die ausführlichen Aufnahmen von Harvard in „The Social Network“ sind zweifelsohne für alle, die Harvard aus eigener Erfahrung kennen, unglaublich wichtig um dem Film das Maß an Authentizität zu verleihen, das er braucht, um seine Geschichte zu erzählen – und sie sind nebenbei spannend, weil sie guerilla ohne Drehgenehmigung entstanden sind, aber das ist ein anderes Thema.

Interessant ist aber, dass es halt auch möglich ist, es ganz anders zu machen. Ich glaube ich erwähnte es schon mal, aber in der ersten Folge von „CSI NY“ wird da ein eleganter Kniff vollführt: Die erste Szene beginnt eher nahe am Geschehen, der Ort bleibt diffus. Dann tritt der Protagonist an den Fluss neben dem Fundort und es folgt ein Schnitt heraus aus der Szene, in eine Totale, in der sich der Fluss als der East River erweist und im Hintergrund New Yorks Skyline aufragt. Und diese Einstellung ist dann unglaublich wuchtvoll und hämmert geradezu das Setting und die ganze Stimmung der Serie auf den Zuschauer ein.
„24“ verzichtet sogar nahezu vollständig auf Establishing Shots. Und gerade das trägt zum hohen Tempo der Serie bei.

Aber es gibt eine Kehrseite der Medaille. Wenn ich eine Regel so oft breche, dass die Regelbrüche reicher an Zahl sind als die Fälle, in denen sich jemand an sie hält, dann funktioniert die Wirkung des Besonderen nicht mehr. Als die ersten Filme anfingen, ruhige Kamerabewegungen zugunsten einer wackeligen, eher an Dokumentationen erinnernden Kameraführung fallen zu lassen, war das neu, war das innovativ. Heute macht das jeder Film und selbst in Fernsehserien sieht man es an allen Ecken und Enden. Heute ist es fast schon wieder möglich, gezielt auf das Gegenteil zu setzen – „The Social Network“ ist da ein Beispiel, denn der Film ist schon fast irrsinnig traditionell inszeniert.
Wenn man einen Achsensprung einbaut, kann das ein Stilmittel sein. Wenn man dauernd Achsensprünge einbaut, wirkt es, als könne man es nicht richtig. Wenn ein Stilmittel vor fünf Jahren in einem Film die Welt bewegt hat, ist das kein Grund zur Annahme, dass das heute noch immer funktioniert.

Regeln und Konventionen sind immer ein gutes Mittel, „auf Nummer sicher zu gehen“. Wenn man sich nicht sicher ist, was man da tut, ist es immer besser, solides Handwerk abzuliefern als ein misslungenes Experiment. Wenn man umgekehrt ein Element hat, bei dem man sich mindestens intuitiv sicher ist, dass hier durch einen Bruch mit den Regeln ein Mehrwert entsteht, dass es den Film interessanter machen würde – dann ist „So macht man das aber nicht“ das denkbar schlechteste Argument, was einen davon abhalten sollte, seinen Film letztlich besser zu machen!

So viel zu unserer zehnten „Episode“ unserer guten Ratschläge – aber keine Sorge, da kommen noch mehr. Und morgen hab ich vermutlich auch direkt wieder was zu erzählen!
Aber dazu … morgen mehr.

Viele Grüße,
Thomas

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s