Vom Auffinden der dritten Dimension (Alles über 3D, Teil 3 von 8)

Hallo zusammen!

Wie ich jetzt schon mehrfach anriss, wird uns derzeit 3D ja die Innovation schlechthin präsentiert. Endlich, so hört man, endlich kann man die ehemals flachen Bilder, nachdem sie Ende des 19. Jahrhunderts laufen lernten, auch in der dritten Dimension betrachten.

Dabei ist 3D in Wirklichkeit, zumindest im Hinblick auf die Fotografie, echt nichts Neues mehr. Es war nicht einmal der erste Versuch, aber der erste weitflächige Erfolg, als 1851 – richtig, also vor 161 Jahren – der französische Optiker Jules Dobascq auf der Weltausstellung in London sein Stereoskop vorstellte und damit sogar die Königin zu begeistern vermochte. 1861, zehn Jahre darauf, stellte Oliver Wendell Holmes sein Stereoskop vor, das eine verstellbare Schärfe und andere Raffinessen aufwies und somit de facto einen Standard legte, der für viele Jahre vorhalten sollte. Zur Wende ins zwanzigste Jahrhundert hinein und dann noch einmal nach dem zweiten Weltkrieg erlebte die Stereo-Fotografie kleinere Hypes, könnte sich allerdings (ganz offensichtlich) niemals ganz durchsetzen.

Ca. 100 Jahre alte Raumbildbrille aus Blech mit zwei Stereo-Bildern

Wie aber funktionierten diese frühen Systeme?
Grundlegend alle gleich: Zwei Bilder, nebeneinander auf einer Pappkarte montiert, werden vor ein Brillensystem gespannt. Durch zwei Linsen, eine je Auge, wird der Blick des Betrachters je auf eines dieser Bilder gelenkt und das Hirn, ausgetrickst durch die Konstruktion, fügt beide Bilder zusammen als wären es halt die Sinneseindrücke der beiden Augen.

Aufgeklappte Raumbildbrille mit eingelegtem Foto

Ein Holmes-Stereoskop besitze ich leider nicht, aber nebenstehend abgebildet kann man eine Brille sehen, wie sie grob seit der Zeit des ersten Weltkrieges vom Deutschen Raumbildverlag produziert wurde. Das gute Stück besteht aus Blech, ist aber in sich sehr stabil und die ebenfalls nebenstehend abgebildeten, teils fast exakt 100 Jahre alten Foto-Streifen, funktionieren auch heute noch und lassen einen dreidimensional in die Vergangenheit sehen.

Nun ist das Verfahren natürlich nicht sehr kompliziert. Die Karten messen 4,5×10,5 cm und die Bilden sind jeweils 4,5×4,5cm groß und sitzen jeweils direkt am linken wie rechten Bildrand. Der logische Schluss ist klar: Das kann nicht sehr schwer selber herzustellen sein, oder?
Und in der Tat: Das geht.

Unikat: Das einzige Exemplar der Xoro-Actionfigur

Nebenstehend noch ein Kleinod, wenn auch ungleich jünger. Das ist die einzig existierende Version der Xoro-Actionfigur, mir vor Jahren von Teilen der Crew zum Geburtstag geschenkt. Und wenn ich die schon mal der Öffentlichkeit zeige, dann auch in 3D.
Und unten zu sehen ist mein selbstgebauter Streifen; die Maße stimmen, aufgenommen wurden beide Bilder mit 6,5cm Abstand zueinander – wir erinnern uns, Augen-Norm-Abstand – und dann einfach über den Drucker gejagt. Das Ergebnis: Der Barbar erstrahlt in 3D. (Auch wenn das Foto einen 3D-Fauxpas begeht, wie wir im Laufe der Reihe noch erkunden werden.)

Raumbild für eine entsprechende Brille, montiert auf einen Streifen von 4,5x10,5cm Größe

Nur kann das natürlich keiner ohne Raumbildbrille nachvollziehen. Kommendes Mal schauen wir uns also ein breiter zugängliches Verfahren an, das vermutlich auch jeder kennt, der hier mitliest: Das so genannte Anaglyphenbild.

Doch bleiben wir für heute mal noch kurz in der damaligen Zeit. Beachtenswert ist nämlich noch, dass die Leute nicht „nur“ einfach dreidimensional Momente festgehalten, sondern teils auch echt waghalsige Experimente unternommen haben.
So kam beispielsweise die Idee auf, dreidimensionale Aufnahmen des Mondes – mit dem bloßen Auge ja nur eine flache Scheibe am Himmel – zu generieren. Leichter gesagt als getan, wie auch der Pionier Warren de La Rue 1858 feststellen musste. Aufgrund der irrsinnigen Dimensionen des Fotoobjekts Mond müssen die Kameras entsprechend weiter voneinander entfernt sein. In der Tat sogar so weit, dass die Erdkrümmung schnell bereit ist, einem einen Strich durch die Rechnung zu machen.
De facto hat man sich dann übrigens mit einer Schummelei beholfen und den Mond in verschieben Monaten jeweils bei Vollmond aufgenommen – da der Bursche ja nicht völlig statisch und stabil um die Erde kreist, erhält man abweichende Bilder und, wenn man diese montiert, zumindest die Illusion einer dreidimensionalen Aufnahme.

XKCD-Comic Nr. 941 – „Depth Perception“ – hatte eine ganz ähnliche Idee, allerdings mit Wolken statt dem Mond, und ist, in meinem Freundeskreis wie auch im Netz, für die brillante Innovation dahinter sehr gelobt worden.
Die Idee ist immer noch brillant, aber ich fand es immens spannend herauszufinden, dass sie im Grunde damals auch schon 153 Jahre alt war.

Gescheitert ist die stereoskopische Fotografie damals übrigens vor allem an zwei Faktoren: Einerseits war es damals natürlich immens aufwendig und mit Kosten verbunden. Mein Xoro oben ist halt digital aufgenommen und über meinen Drucker gescheucht, das hat alles zusammen den Bruchteil eines Sonntag Nachmittages verschlungen und nahezu nichts gekostet. Damals wären Film und Entwicklung teure Faktoren gewesen, insbesondere wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Und zum anderen kam damals der Film auf. Ganz grundsätzlich um 1910, und dann nach dem zweiten Weltkrieg in Form des Fernsehens auch für daheim. Gleich zwei Mal scheiterte die Stereoskopie in ihrer Massenwirksamkeit also am bewegten Bild, um dann in der Gegenwart gerade auf dem Rücken gerade dieses Mediums einen neuerlichen Siegeszug antreten zu wollen.
Auch nicht ganz ohne Ironie.

Wobei auch das Fernsehen schon mehrfach zuvor versucht hat, die dritte Dimension zu erobern. Aber dazu ebenfalls beim kommenden Male mehr.

Viele Grüße,
Thomas

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