Auf der Spur des Lachens

Endlich war es soweit. Ein langgehegter Herzenswunsch ging in Erfüllung. Eine Reise in die USA. Genauer gesagt an die Westküste, nach Kalifornien. Endlich einmal mit eigenen Augen sehen, wie denn diese Traumfabrik ausschaut, deren Produkte das Verständnis von Film und Fernsehen prägen, wie wohl kein zweites.

Ein Gastbeitrag von Ralf Murk 

Am frühen Nachmittag des 21. Oktober 2014 bewegt sich ein Subaru Outback über den Mulholland Drive in östlicher Richtung. Das Ziel der Insassen sind schöne Fotomotive vom weltberühmten Hollywood Sign. Dieses Wahreichen der Stadt der Engel ist jedoch nicht das Hauptziel der Reisenden. Am Ende des Mulholland Drives wird sich ein kleines Stück parallel zum Hollywood Freeway bewegt um dann Richtung Burbank abzubiegen. Bereits nach kurzer Wegstrecke tauchen die riesigen Studiohallen der Warner Bros. Studios am Straßenrand auf. Und hier befindet sich auch das Ziel: Das Parkhaus am Gate 3 der Warner Bros. Studios.

Einen Monat zuvor bemühte sich der Schreiber dieser Zeilen um zwei Eintrittskarten für eine Aufzeichnung der weltweit wohl erfolgreichsten Sitcom „The Big Bang Theory“. Für alle Leser die selber einmal einem solchen „Taping“ beiwohnen möchten, sei die Internetseite www.tvtickets.com empfohlen. Dort gibt es die Tickets und der ganze Spaß kostet nicht eine müde monetäre Einheit. Da der Andrang auf „The Big Bang Theory“ sehr groß ist, ist es pro Buchungsvorgang nur möglich EIN Ticket zu ordern. Dies führte bei uns dazu, dass ich zwar ein reguläres Ticket bekam (dem fixen Internet meiner Arbeitsstelle sei Dank), meine Freundin jedoch nur ein Standby-Ticket ergattern konnte (dem Ausbau der Datenleitungen in ländlichen Regionen sei hier der Dank ausgesprochen). Durch fernmündliche Kommunikation mit Frank, einem sehr hilfsbereiten Angestellten der Ticket-Firma, konnte das Standby-Ticket zu einem regulären Ticket aufgewertet werden. Frank sei an dieser Stelle noch einmal unser tiefster Dank ausgesprochen.

Während der Wagen im kühlen Parkhaus steht, finden wir uns – wie auf den Tickets angegeben – nun also drei Stunden vor Aufzeichnungsbeginn auf dem Parkplatz am Gate 3 der Warner Bros. Studios wieder. Einige Fans warten anscheinend hier schon viele Stunden. Auch weitere Fans aus Deutschland befinden sich in der Schlange. Wie sich das für ordnungsliebende Deutsche gehört, reihen wir uns auch erst einmal ein. Während mit anderen Fans ein wenig Smalltalk betrieben wird, stellt sich heraus, dass in der Schlange lediglich Menschen stehen, die nur ein Standby-Ticket ergattern konnten und in der Reihenfolge ihres Erscheinens auf dem Parkplatz zur Aufzeichnung eingelassen werden. Erleichterung macht sich breit, dass wir nicht in dieser Schlange und der kalifornischen Sonne ausharren müssen.

Der offizielle Wartebereich befindet sich im Parkhaus, ausgestattet mit Sitzgelegenheiten, sanitären Einrichtungen und den obligatorischen Snack- und Getränkeautomaten. Dieser Bereich wird jedoch noch vom Publikum der „Ellen DeGeneres Show“ okkupiert. Nachdem diese voller Vorfreude auf Ellen DeGeneres den Wartebereich verlassen haben, werden alle Inhaber eines regulären Tickets von Mitarbeitern der Ticketfirma dazu aufgefordert eine Reihe zu bilden, damit die Tickets mit der Gästeliste abgeglichen werden können. Nach kurzem Vergleich mit der Gästeliste und unseren Reisepässen macht sich Gewissheit breit: Wir werden heute Abend Zeuge sein, wie eine Episode „The Big Bang Theory“ entsteht. Aber bis es soweit ist, kommen wir erst noch in den Genuss einer weiteren Etappe des Wartens, diesmal jedoch im klimatisierten Parkhaus. In meinem Magen macht sich ein Hungergefühl breit. Um nicht zur Diva zu werden, tausche ich am Snackautomaten eine Ein-Dollar-Banknote gegen einen Schokokaramellriegel mit Erdnüssen. Nun folgt eine erneute Sicherheitsüberprüfung. Eine Sicherheitsbeamtin der Warner Bros. Studios vergleicht das Konterfei der Gäste mit dem Konterfei im Reisepass und notiert eine Zahl auf dem Ticketausdruck. Anschließend gibt es einen nur unter Schwarzlicht sichtbaren „WB“-Stempel auf den Handrücken. Nachdem die komplette Meute so abgestempelt wurde, werden wir in Gruppen aufgeteilt und dürfen uns zu einem Menschen der Ticketfirma gesellen. Dieser Mensch wird uns auf das Studiogelände bringen und aufpassen, dass wir auch unterwegs nicht abhandenkommen. Am Eingang des Studiogeländes dürfen wir einen Metalldetektor passieren und die rechte Hand wird mit Schwarzlicht angeleuchtet. Nachdem festgestellt wurde, dass niemand eine Waffe, ein Handy oder sonstwas hereinschmuggelt, geht es weiter aufs Ziel zu. An den einzelnen Studiohallen befinden sich Plaketten, wo vermerkt ist, welche Filme oder TV-Produktionen dort entstanden sind. In der Halle wo „The Big Bang Theory“ aufgezeichnet wird, wurden unter anderem Teile für „Casablanca“ und das George Clooney-Epos „Batman und Robin“ aufgenommen. In dieser Halle dürfen wir erneut durch einen Metalldetektor gehen. Die Sicherheitskontrollen die man über sich ergehen lassen muss, um der Aufzeichnung einer Fernsehshow beizuwohnen wirken strenger als an einem Flughafen.

Endlich sind wir am Ziel angekommen. Wir dürfen auf fantastisch schmalen Mehrzweckhallenstühlen Platz nehmen und blicken auf schwarze Wände, die das eigentliche Bühnenbild verdecken. Über den Köpfen der Zuschauer hängen Monitore, auf denen Standbilder aus vergangenen Episoden gezeigt werden. Dazu gibt es aktuelle Musik aus den Charts. Auf unseren Stühlen liegt ein Programmheft, welches Informationen darüber bereithält, welche kreativen Köpfe an der heutigen Episode (8×07-The Misinterpretation Agitation) vor und hinter der Kamera mitwirken. Die Rolle des Dr. Lorvis wird lediglich mit einem „Special Guest“ angegeben. Nachdem alle Besucher auf ihren Stühlen sitzen, werden wir bereits von einem netten, älteren Herrn begrüßt, der uns an diesem Abend durch die Aufzeichnung führen wird. Er ist ein professioneller Warmupper und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Sein Name: Mark Sweet, Comedian und Hypnotherapist. Er stimmt uns darauf ein, was uns an dem heutigen Abend erwarten wird. Es werden Erläuterungen gegeben, dass die einzelnen Aufnahmen mehrmals durchgeführt werden, wir uns aber immer so verhalten sollen, als hätten wir die Aufnahme noch nie gesehen und nie gehört. Da es noch ein wenig dauert bis die Aufzeichnung beginnt, bekommen wir zur Einstimmung eine komplette Episode gezeigt, die noch nicht im US-Fernsehen gezeigt wurde. Hierbei handelte es sich um die Episode 8×08-The Prom Equivalency, welche sich noch in der Postproduktion befand. Die Folge war zwar fertig geschnitten, aber die visuellen Effekte waren noch nicht vorhanden, was daran erkannt werden konnte, dass während einer in einem Wagen spielenden Szene, in den Wagenfenstern nur eine grüne Fläche zu sehen war. Ich vermute dass den Gästen eine bereits fertige Episode gezeigt wird um direkt aufgrund der Reaktionen eines Testpublikums zu erfahren ob das Timing der Folge funktioniert, oder ob evtl. noch ein wenig daran rumgeschnitten werden muss.

Die Episode hat Wirkung gezeigt. Das Publikum tobt. Diese positive Stimmung bleibt erhalten, als die Aufzeichnung beginnt. Ein Teil der Wände, welche die Kulisse verdecken, wird entfernt und wir blicken auf Pennys Wohnzimmer. Dort beginnt nun die Aufzeichnung der ersten Szene. Aufgrund einiger Versprecher der Penny-Darstellerin Kaley Cuoco-Sweeting wurde die Szene mehrmals gedreht. Obwohl die Dialoge und die Gags den Zuschauern bekannt sind, fällt es nicht schwer auch beim zweiten und dritten Mal herzlich darüber zu lachen. Der Zuschauer muss das Geschehen nicht auf der Bühne verfolgen, sondern kann sich auf den Monitoren das Kamerabild anschauen. Für die Zuschauer im Studio wählt ein Techniker bereits das beste Kamerabild, so dass auf den Monitoren bereits grob geschnittene Szenen zu sehen sind. Nachdem die Szene im Kasten ist, besprechen sich Regisseur, Drehbuchschreiber und Darsteller, während andere Personen am Set ein wenig an den Kulissen herumbauen. Während dieser Drehpause interagiert der Warmupper mit dem Publikum. Um die Stimmung hochzuhalten, dürfen Freiwillige nach vorne kommen und dem Warmupper ihr bestes Lachen präsentieren. Eine junge Frau geht nach vorne und ist so nervös, das ihr Lachen eher dem schweren Atmen eines erstickenden Asthmatikers entspricht. Auf humorvolle Weise werden diese Lachversuche mit Kommentaren wie „Are you a smoker?“ oder „Shall we call an ambulance?“ vom Warmupper kommentiert. Die Stimmung ist fantastisch.

Die Aufzeichnung scheint weiterzugehen und da eine Szene mit dem „Special Guest Star“ ansteht, wird dieser nun vorgestellt: „Here he is. The Special Guest Star of this episode. BILLY BOB THORNTON!“ Die Zuschauer können sich nicht auf den Stühlen halten als Billy Bob Thornton auf die Bühne tritt um von den Fans begrüßt zu werden. Es ist schon ein tolles Gefühl einem echten Hollywoodstar so nahe zu sein und ihn live bei der Arbeit zu sehen. Um es kurz zu machen: Die Szenen mit Billy Bob Thornton sind fantastisch. Er spielt seine Rolle mehr als überzeugend.

Die nächste Drehpause naht und der Warmupper stellt die unverfängliche Frage, ob denn Gäste aus dem Ausland anwesend seien. Ungefähr ein Fünftel der Zuschauer zeigt auf. Ich auch. Der Warmupper schaut mich an… und bittet mich nach vorne zu kommen… Ach du Scheiße. Ich stolpere beinahe über den korpulenten Sitznachbarn aus Milwaukee und stehe nun vor ca. 200 Menschen und unterhalte mich mit dem Warmupper. Es ist Smalltalk angesagt. Wie ist der Name, was macht man beruflich, etc…? Er verkündet mir, dass es immer ein großer Spaß ist, wenn die ausländischen Besucher ein Lied in ihrer Muttersprache singen. Na toll, denke ich mir. Das habe ich nun davon. Gleichzeitig bin ich unendlich froh, dass es keine Smartphones, Videokameras und Fotoapparate in die Aufzeichnung geschafft haben. Ich werde nichts mehr gegen die strengen Sicherheitsbestimmungen sagen. Aber was soll ich singen. Mir fällt kein Lied ein. Ein Mensch aus dem Publikum ruft „99 Red Balloons“. OK, denke ich, dass macht Sinn. Das Lied gibt es auf Deutsch und Englisch und ich kann sogar den Text. Also beginne ich die erste Strophe zu singen und ich komme mir selber furchtbar vor. Dennoch applaudieren die Leute. Und als am Ende der ersten Strophe meine Textsicherheit zu schwinden droht, wird vorne weitergedreht. Puuh. Schwein gehabt. Mr. Sweet bedankt sich, es gibt einen Applaus und ich darf wieder auf die Sicherheit meines Platzes zurückkehren.

In der nächsten Drehpause dürfen noch andere Ausländer ein Liedchen trällern. Die Zahl der Freiwilligen war jedoch plötzlich dramatisch gesunken. Eine Dame aus Brasilien singt etwas was niemand versteht und einer Dame aus Kanada fällt nur patriotisch die kanadische Nationalhymne ein. Mr. Sweet lässt nun die Zuschauer darüber abstimmen, welcher der Freiwilligen sich am besten geschlagen hat. Die Lautstärke des Applauses soll der Maßstab sein. Mein Sitznachbar aus Milwaukee stuppst mich an und verkündet: „You win that!“. Er sollte Recht behalten. Ich bekomme den definitiv lautesten Applaus und darf wieder nach vorne kommen. Dort bekomme ich einen kleinen Schlüssel in die Hand gedrückt, welcher die Chance auf gigantische 20 US-Dollar repräsentiert. Die 20 Dollar befinden sich hinter einem Vorhängeschloss und es werden noch weitere Spiele gespielt, wo die Gewinner ebenfalls einen kleinen Schlüssel bekommen. Die anderen Spiele sind Partykracher wie „Tiere imitieren“ oder so etwas wie „Herzblatt“.

Nachdem ungefähr die Hälfte der Aufzeichnung vorüber ist gibt es etwas zu spachteln. Es gibt ein Stück kalte Pizza Margarita, ein Fläschchen Wasser und eine Serviette. Mr. Sweet kündigte dieses Highlight des Abends des Öfteren an mit „Soon it will be Pizza Time, Water Time and Napkin Time“. Während wir die Pizza hinunterschlingen wird vorne weiter gedreht. Erneut sehr witzige Szenen mit Billy Bob Thornton. In einer weiteren Drehpause kommen Johnny Galecki und Kaley Cuoco-Sweeting zu den Zuschauern und bringen zum Ausdruck wie toll wir Zuschauer doch sind, das wir diesen Erfolg möglich machen. Ich denke mir: „Jau, jeder von euch zwei Nasen bekommt pro Folge über eine Mio. US-Dollar. Da solltest du dich auch bei uns bedanken!“. Diese negativen Gedanken waren auf die kalte Pizza zurückzuführen. Die Show ist geil und solange die Show die Kohle einfährt, sollen die Darsteller auch dadurch gerne zu Multimillionären werden.

Bei einem der weiteren Spiele stellt sich heraus, dass eine Mitspielerin heute ihren xten-Hochzeitstag hat, was zur Folge hat, dass die Dame von Johnny Galecki den Blumenstrauss geschenkt bekommt, den der Charakter Dr. Lorvis in der Episode zuerst Penny und anschließend Amy schenken möchte.

Die Aufzeichnung nähert sich dem Ende. Alle Gewinner von Schlüsseln dürfen nach vorne kommen um auszuprobieren ob der Schlüssel zu dem Schloss mit den 20 Dollar passt. Um es ein wenig spannend zu machen, versucht sich Mr. Sweet als Moderator von „Geh aufs Ganze“ und bietet eine kleine Geldsumme, damit die Spieler einen anderen Schlüssel nehmen. Kein Schlüssel passt. Meiner auch nicht. Aber als Trostpreis gibt es ein Foto mit allen Stammschauspielern mit jeweiliger Unterschrift drauf. Ich fühle mich ein wenig wie Sheldon Cooper, dass mir das Presse-Werbematerial besser gefällt wie die 20 Dollar.

Mit diesem Hauptgewinn in der Tasche sehe ich den Dreharbeiten zur letzten Szene der Episode zu. Ein herrliches Ende einer fantastischen Episode. Die Darsteller und die Crew lassen sich vom Publikum feiern, welches anschließend den Heimweg antritt. Wir lassen auf der Rückfahrt von Burbank nach Los Angeles den Abend Revue passieren und stellen fest, dass diese Aufzeichnung ein tolles Erlebnis war und wir nun jedes Mal wenn wir eine Episode von The Big Bang Theory sehen, an unseren Urlaub in den USA denken werden.

Bereits am 30. Oktober wurde die aufgezeichnete Episode auf CBS ausgestrahlt, was uns die Möglichkeit gab, die geschnittene Episode im US-Fernsehen zu verfolgen. Es war interessant zu sehen, welche Takes genommen wurden und wie das Timing durch den Schnitt teilweise korrigiert werden konnte. In Deutschland wird diese Episode am 16. Februar 2015 um ca. 21:15 Uhr ihre deutsche Erstausstrahlung auf ProSieben erleben. Ich bin auf die deutsche Synchronisation gespannt.

Ich kann jedem Leser nur empfehlen, sollte er sich in Los Angeles aufhalten, sich die Aufzeichnung einer Fernsehshow anzuschauen. Es macht Spaß, kostet nichts und ist wie in diesem Fall eine super Erinnerung an den Urlaub!

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Ein Gedanke zu „Auf der Spur des Lachens

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