Film und Geographie

Hallo zusammen!

Ein beliebter Fehler, der viele Bereiche des Films, vor allem aber die Suche nach Drehorten heimsuchen kann, ist der Wunsch, „das echte Ding“ zu finden. Also eine Wüste als Wüste, ein Urwald als Urwald und eine hochmoderne Firmenzentrale als Firmenzentrale. Allerdings basiert dieser Wunsch letztlich auf einer falschen Annahme.
Es ist in vielen Aspekten einer Filmproduktion eine wichtige Erkenntnis, zu bemerken, dass Dinge im Film nicht zwingend so aussehen, wie sie das in echt tun. Einer der besten Momente in Dodgeball ist die Bestechungsszene, in der Ben Stiller einen Koffer mit 100.000 Dollar öffnet und sich darin statt dem erwarteten Geldhaufen nur ein einsamer, trauriger Stapel Scheine befindet. Und diese Form der Konditionierung, diese Erwartungshaltung des Publikums, die in dem Film auf die Schippe genommen wird, betrifft auch Landschaften.
Für ganze Generationen deutscher Kinozuschauer sah der Wilde Westen stets aus wie das, was uns die Karl-May-Filme vorgelebt haben. Ungeachtet der Tatsache, dass die gesamten Verfilmungen in Jugoslawien entstanden waren, prägten die Abenteuer Old Shatterhands und seines noblen Blutsbruders Winnetou Bilder in den Köpfen der Leute.
Das hat sich bis heute nicht geändert – Vancouver ist eine Stadt an der südlichen Grenze von Kanada, aber sie durfte vermutlich mittlerweile schon für nahezu jedes Gebiet der Erde, das nicht gerade eine Wüste ist, herhalten. Es geht nicht darum, an den realen Orten zu drehen, sondern dem Zuschauer das zu bieten, was er glaubt, sehen zu müssen. Wenn ihr also Drehorte sucht, schaut nicht danach, wie die Wirklichkeit ausschaut, sondern sucht nach etwas, was so aussehen kann wie das, was ihr am Ende darstellen wollt. Ihr werdet merken – oft macht das die Sache nicht nur leichter für euch, sondern am Ende im Film auch überzeugender.
Eine etwas andere Form dieses Tricks ist es nebenbei gesagt, in einem ersten Bild den Ort zu zeigen, an dem die Szene wirklich spielen soll und damit beim Zuschauer die Überzeugungsarbeit zu leisten, die der eigentliche Drehort dann nur noch nicht widerlegen darf.
In unserem Fantasy-Film Hilde und die Glocken der Amazonen haben wir das mit dem Schloss der Amazonen gemacht: Die Außenaufnahmen zeigen eine Burg bei Koblenz, die Innenaufnahmen haben wir derweil in einem alten Stadttor von Aachen gedreht, das zu erhalten uns das Wohlwollen der dort untergebrachten Pfadfindergruppe und einen Kasten Bier gekostet hat. Ich bin mir sicher, die Burg bei Koblenz wäre komplizierter gewesen – der Zuschauer aber wird es nie erfahren.

Das ohnehin großartige Youtube-Format Every Frame a Painting hat ein schönes Video zu Vancouver und seiner vielseitigen Nutzung angefertigt, dass ich zum Abschluss noch allen empfehlen mag, die gerne mehr zum Thema wissen möchten.
Geographie im Film derweil, darauf werden wir hier ein anderes Mal auch noch zurückkommen. Nun aber erst einmal:

Viele Grüße,
Thomas

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