Tschechows Gewehr / Chekhov’s Gun

Ein wichtiges, oft unterschätztes dramaturgisches Element einer guten Erzählung ist als Tschechows Gewehr bekannt; oder gemeinhin heute vermutlich mehr unter seiner englischen Entsprechung als „Chekhov’s Gun“. Das hat alles nichts mit dem Enterprise-Charakter gleichen Namens zu tun, sondern geht auf Anton Tschechow (1860-1904) zurück, einen russischen Schriftsteller und Physiker. Ihm wird die nachfolgende Regel zugesprochen:
„Entferne alles, was keine Relevanz für die Geschichte besitzt. Wenn du im ersten Kapitel sagst, dass ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im zweiten oder dritten Kapitel unausweichlich abgefeuert werden. Wenn niemand damit schießt, sollte es dort nicht hängen.“

Es geht um die Konzentration aufs Wesentliche; aber vielmehr noch geht es darum, dass alles, was auf dem Bildschirm passiert, tatsächlich eine Rolle spielt. Das können beispielsweise ganz kurze Gesten sein, die dazu dienen, vorausschauend Elemente der Geschichte zu etablieren. Wenn Indiana Jones am Anfang von „Jäger des verlorenen Schatzes“ mit dem Flugzeug vor den Wilden flieht, eine Schlange unter seinem Sitz findet und darum sein heute ikonisches „Schlangen! Ich hasse Schlangen!“ in die Welt ruft, ist das zunächst einmal einfach nur ein Gag. Doch wichtig wird es später im Film, wenn Indy in die Kammer voller Schlangen eindringt – nun weiß der Zuschauer bereits, dass dies für die sonst oft so furchtlosen Hauptfigur eine große Herausforderung darstellt, ohne dass der Film das noch mal weiter etablieren müsste. Die Insekten im zweiten oder die Ratten im dritten Teil der Reihe sind für ihn kein Problem. Doch die Aufnahme, in der Indy direkt Auge in Auge mit einer Kobra am Boden der Kammer aufschlägt, gewinnt so ohne weitere Worte an Intensität und Bedrohung.
Ein anderes Beispiel dafür ist „Aliens“. Wenn sich Ripley auf der Reise zurück zum Planeten LV 426 die Chance erringt, mit dem Laderoboter zu arbeiten, wirkt dies zunächst einmal als Element der Figurenzusammenführung. Ripley kann den harten Marines zeigen, dass sie kein zartes Mädchen ist und zugleich gegenüber Zuschauern, die vielleicht Teil 1 nicht kennen, eine gewisse Pack-an-Mentalität demonstrieren. Im Finale jedoch gewinnt der Laderoboter eine ganz neue Bedeutung und verleiht Ripley (halbwegs) eine Chancengleichheit im direkten Kampf mit der Alienkönigin.

In unserer heutigen, medial oft sehr versierten Zeit kann man zudem damit spielen. Schön ist das im aktuellen James-Bond-Film „Spectre“ zu sehen. Nicht nur, dass die Einführung des neuen Wagens von 009 (und der entsprechende Diebstahl durch 007) in sich genommen ein kleines Beispiel darstellt; den wirklichen Spaß erlaubt der Film sich mit der Armatur des Fahrzeugs. Zahlreiche Regler verheißen darin klassische Agenten-Gadgets, ein Element, das gerade durch frühere Bond-Filme populär gemacht wurde. Natürlich erwartet der Zuschauer mit Recht, dass diese Funktionen im Laufe des Films noch genutzt werden – doch zugleich erlaubt der Film sich die Freiheit, nicht bei jedem Hebel dann auch das zu tun, was das Publikum kommen sieht.

Doch während all dies vor allem ergänzende Elemente sind, kann diese Erzählweise auch in sich Träger eines Teils der Filmbedeutung sein. In „Blade Runner“ wird früh schon die Figur des Bladerunners Gaff eingeführt, ebenso seine Marotte, kleine Origami-Figuren zu bauen. Scheint dies erst ein Element des asiatisch gefärbten, dystopischen Settings des Films zu sein, erlangt es am Ende eine neue Bedeutung, wenn Protagonist Deckard ein Origami-Einhorn vor seiner Türe findet und weiß, dass Gaff dort war, die Replikantin Rachel allerdings verschont hat. Das ist schon stark, doch schaut man den Director’s Cut oder Final Cut des Films, wird dies um eine zusätzliche Dimension erweitert: Im Laufe des Films hat Deckard einen Traum von einem Einhorn. Diese scheinbar erratische Szene passt in das Gesamtbild des Filmes weder visuell noch (scheinbar) erzählerisch zu dem Zeitpunkt, an dem sie erfolgt. Doch auch sie ist ein Gewehr im Sinne Tschechows, auch sie wird abgefeuert. Denn durch diesen Traum gewinnt auch Gaffs Origami-Einhorn eine neue Bedeutung: Der einzige Weg, wie Gaff von dem Traum wissen kann, ist der, dass Deckard selbst ein Replikant ist. Dies wiederum ist eine Facette des Films, die auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch von Fans diskutiert wird – aber in dieser einen Verzwickung, in dieser einen erzählerischen Vorlage, die ohne Worte durch die kleine Figur am Ende aufgegriffen und aufgelöst wird, gibt Ridley Scott eine Antwort. Und das viel, viel wirkungsvoller als jede gesprochene Enthüllung es hätte sein können.

Viele Grüße,

Thomas

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