Spielt auf, meine lebenden Requisiten!

Hallo zusammen!

Es ist immer eine Stilfrage, wie viel Freiheit man seinen Darstellern am Set lässt. Wenn man sich Interviews mit professionellen Drehbuchautoren anschaut, wird dort gerne betont, dass sie schon erwarten, dass man dem Script aufs Wort hin folgt. „Wir hatten schon unsere Gründe, das so zu schreiben“, heißt es dort dann. Auch manche Regisseure sind am Set pedantisch und erwarten, dass Schauspieler auf den Zentimeter hin präzise genau die Punkte ansteuern, die sie ihnen nennen.
Andere sehen das lockerer; in beiderlei Hinsicht. Sie nehmen das Script mehr als Leitfaden und lassen auch die Schauspieler mit der Situation spielen, schauen, wohin sie das führt und passen die Inszenierung entsprechend daran an.

Wie immer gilt: Der Mittelweg ist eigentlich nie verkehrt. Szenen zunächst mit dem Wortlaut des Drehbuchs umzusetzen schadet niemandem, alleine schon, dass man es entsprechend einmal „im Kasten“ hat. Aber darüber hinaus ist es oft lohnend, die Schauspieler auch einfach einmal machen zu lassen.
Sie haben sich intensiv mit ihren Rollen befasst und haben sich vermutlich, egal welcher Schauspielmethode sie folgen mögen, auch Gedanken zu den Beweggründen ihrer Figur gemacht. Sie haben ein eigenes Verständnis davon, was in ihrer Figur vorgeht und ziehen daraus ihre Schlüsse darüber, wie sie das, was im Drehbuch steht, weiter interpretieren. Es ist nicht immer zielführend und manchmal kommt vor allem Unfug dabei heraus, keine Frage, aber oft findet man auch pures Gold, wenn man ihrer Intuition vertraut.
„Wir werden ein größeres Boot brauchen“, mag vielleicht der ikonischste Satz aus „Der weiße Hai“ sein, aber er stand niemals im Script; vielmehr entfuhr er Darsteller Roy Scheider beim Anblick ihres mechanischen Hais. Spielberg ließ ihn drin – und schrieb Filmgeschichte.
Mein liebstes Beispiel aber stammt aus Ridley Scotts „Blade Runner“. Wenngleich nicht spontan am Set, so nahm sich Rutger Hauer einen Tag vor dem Dreh seines bewegenden Monologs am Ende des Films – „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen“ und alles davor – den Text selber einmal zur Brust und trug dann, ohne Absprache mit Scott, am Set seine eigene Fassung vor. Er erntete Applaus der Crew, seine Fassung wurde verwendet und einmal mehr wurde Filmgeschichte geschrieben.

Lasst den Darstellern die nötige Freiheit, wenn sie es wünschen.
Bedenkt allerdings eines – je mehr Schnitte ihr in einer Szene habt, desto wichtiger ist Kontinuität und desto schwieriger werden längere Abweichungen in einer Szene. Wir kommen aber auf dieses ganze Themenfeld im Laufe des Jahres noch zurück.

Viele Grüße,
Thomas

Advertisements

3 Gedanken zu „Spielt auf, meine lebenden Requisiten!

  1. Wortman

    Ich denke, wer den Schauspilern nicht eine gewisse Freiheit einräumt – im Rahmen des Machbaren – wird kein wirkliches Leben in Dialoge einhauchen können. Zu oft klingen diese Dialoge völlig hölzern.

    Antwort
    1. Thomas Michalski Autor

      Ja, definitiv. Ich bin persönlich auch ein großer Fan davon, die Leute „laufen zu lassen“ und im Zweifel zu korrigieren, wenn ich die Notwendigkeit dazu sehe, anstatt direkt von Anfang an die Zügel anzulegen.
      Einfach auch, weil ich die Interpretationen der Leute haben möchte, aus oben genannten Gründen 🙂

      Viele Grüße,
      Thomas

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s