Wie asynchron darf es denn sein?

Egal ob Texte nachträglich eingesprochen werden oder der Set-Ton von einem Gerät verwendet wird, das den Ton unabhängig vom Bild aufgezeichnet hat, es wird immer wieder vorkommen, dass es vielleicht nicht auf Anhieb 100% synchron läuft.
Und damit meine ich nicht mal, dass eine nachträgliche Aufnahme nicht perfekt zu den Lippenbewegungen verläuft – auch bei perfektem Ton ist die Platzierung nicht immer unproblematisch.
Interessant ist dabei, dass es in der Tendenz eher okay ist, wenn der Ton zu spät einsetzt, als anders herum. Untersuchungen besagen, dass eine Audio-Aufnahme durchaus bis zu 125ms zu spät einsetzen kann, ohne dass unsere Intuition beginnt, eine Unstimmigkeit wahrzunehmen.
125ms sind viel; bei den 24 Bildern pro Sekunde eines Kinofilms sind das immerhin drei Bilder. Das ist auch ein Spektrum, das man nicht immer voll ausschöpfen sollte – gerade im digitalen Zeitalter ist es ja wirklich kein Problem, den Ton nahezu perfekt präzise zu platzieren.
Dennoch spannend ist aber, dass es, wenn der Ton gerade mal mehr als 45ms zu früh dran ist, dagegen sofort ins Auge sticht.
Der Grund dafür ist die Art und Weise, wie unsere Welt generell funktioniert. Schall hat eine Geschwindigkeit – und kommt daher unter bestimmten Umständen auch ganz ohne technischen Einfluss verspätet bei uns an. Schall legt pro Sekunde 343 Meter zurück. Das bedeutet, dass der Schall von jemandem, der etwas mehr als 40 Meter von uns entfernt steht, bereits mit den gleichen 125ms Verzögerung bei uns eintrifft, von denen ich zuvor sprach. Das ist eine Situation, die ganz alltäglich vorkommt.
Dass Schall allerdings eintrifft, bevor er entsteht, kommt logischerweise schlichtweg nicht vor. Wir Menschen besitzen eine gewisse Toleranz dafür – unser Gehirn verbringt ja ohnehin viel Zeit damit, sich die Welt „schön zu denken“ und Kausalität zu erschaffen, wo faktisch keine sein kann. Darum ist es in der Lage, bereits aus 12 Bildern pro Sekunde eine „Bewegung“ zu erkennen, und darum nimmt es minimale Verschiebungen nach vorne beim Schall auch hin.
Ist die Differenz allerdings mehr, dann setzt eine andere, zuvor erwähnte besondere Fähigkeit unseres Gehirns ein: Jenes unbestimmbare Gefühl, dass gerade irgendwas nicht stimmt. Und wer nicht gerade darauf aus ist, in die Fußstapfen des französischen Kunstkinos zu treten, der versucht das vermutlich besser zu vermeiden.

Viele Grüße,
Thomas

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